Liebe Freunde des OSM,
dieses Mal gilt es, einen Roman als Lesevorschlag an euch weiterzureichen, der mir sehr gefallen hat. Audrey Carlan gefällt mir generell als Autorin ausgezeichnet (kleinere Schwächen wie der zweite Band der Dream Maker-Serie sind zu verschmerzen), und mit diesem Roman beweist sie ihre Vielseitigkeit und Bereitschaft, auch dumpfen Klischees in originellen Schlangenlinien geschickt auszuweichen.
Man hätte beispielsweise erwarten können, dass die Beziehung zwischen Wendy und Sir Mick sich in die Fahrwasser von „Fifty Shades of Grey“ verirrt … davon kann man hier nicht sprechen, auch wenn eine zweite BDSM-Schiene hier aufflammt. Ebenso hätte man vermuten können, dass etwa die in diesem Band erscheinende homoerotische Beziehung in die Untiefen der Genderdiskussion abgleitet … aber auch davon ist sie erfreulich weit entfernt.
Das hat selbstverständlich mit der letztendlichen Grundstruktur dieses Romanzyklus und ihrer sehr bewussten Happy End-Idee der Dream Maker-Reihe zu tun. Man weiß als LeserIn, dass sich den Liebenden in dieser Geschichte diverse Klippen und Hürden in den Weg stellen, aber die Zuversicht ist da, dass sie überwunden werden können, des kollektiven Glücks wegen.
Da ist wirklich so gar kein Platz für verhärtete, kleinliche Gender-Hassgeschichten oder Frontstellungen. Ich bin überhaupt der Ansicht, dass viele hartleibige Gender-Verfechter der Gegenwart dieser Diskussion schaden. Wie so oft findet sich das, was ich mal schlicht als „Wahrheit“ bezeichnen möchte, im Mittelfeld zwischen den Radikalpositionen. Jedwede rigorose Eindimensionalität, sei es in der radikalen Befürwortung von Gender-Positionen, sei es in deren Ablehnung, führt am Ende nur zu Schaden für alle Seiten.
Sinnvoll ist eigentlich nur die kooperative Mittelposition. Die Exponenten müssen miteinander reden und einem „modus vivendi“ aushandeln, mit dem beide Seiten leben können, ohne ihre Maximalpositionen zu erreichen. Das ist wie mit Utopien – man kann sie anstreben, auf sie hinleben, aber sie bleiben eben unerreichbar, „u-topos“, wie das Wort sagt: „ohne Ort“.
Doch nach dieser kleinen Abirrung kehren wir besser zu den „International Guys“ zurück, und ich bin sicher, allein diese kurze Darstellung macht Appetit auf den Roman – mit Recht:
Dream Maker 3: Triumph
(OT: International Guy – London/Berlin/Washington, D.C.)
von Audrey Carlan
Ullstein 29069
530 Seiten, TB
Februar 2019, 12.99 Euro
Aus dem Amerikanischen von Christiane Sipeer und Friederike Ails
ISBN 978-3-548-29069-0
Parker Ellis und seine beiden Kollegen von der Agentur „International Guy“, Bogart „Bo“ Lundigren und Royce Sterling sind aus Montreal reichlich verstört zurückgekehrt – wurde doch bei ihrem dortigen Auftrag ihre toughe Sekretärin Wendy Bannerman kurzerhand von einer Psychopathin im Dienst niedergeschossen und schwebte tagelang am Rande des Todes. Ihr Lebenspartner Michael Pritchard, den sie zugleich „Sir Mick“ nennt und dem sie als Sub vollständig ergeben ist (mit einer zugleich unglaublichen eigensinnigen Energie, die dem Klischee Hohn spricht und sie beide supersympathisch macht), ist zwar weit davon entfernt, Parker und seine Kollegen für den Zwischenfall haftbar zu machen, aber natürlich wünscht er sich nun, dass seine Lebenspartnerin nicht mehr länger für „International Guys“ tätig ist … eine Vorstellung, die er sich bald komplett abschminken kann. Wendy hat Parker & Co. längst als Ersatzfamilie adoptiert.
An ihrer Stelle muss dennoch mit Annie Pinkerton eine Ersatzkraft eingestellt werden, solange Wendy auf dem Weg der Genesung ist. Das ist auch zwingend erforderlich, weil weitere Aufträge sich häufen. Der nächste führt Parker Ellis dann nach London, wo er einer Autorin mit Schreibblockade weiterhelfen soll.
Als Parkers berühmte Freundin und Schauspielerin Skyler Paige, die nun versucht, immer mehr Zeit mit ihm zu verbringen, davon erfährt, dass die Autorin, die er besuchen und der er helfen soll, niemand Geringeres ist als Geneva James (hinter der man namentlich unschwer die Romance-Autorin Geneva Lee wittern kann), die zu ihren Lieblingsautorinnen zählt, macht sie den Vorschlag, ihn doch zu begleiten … und als sie in London ankommen, kristallisiert sich heraus, dass Geneva ebenfalls ein großer Skyler Paige-Fan ist … und ja, sie beheben die Schreibblockade, wenn auch auf eine etwas, sagen wir, unkonventionelle Weise.
Während ihres Aufenthaltes auf der Insel ergeben sich zwei Turbulenzen – beide Liebenden bekommen obskure anonyme Mails, die sich nicht zurückverfolgen lassen und zunehmend bedrohlicher klingen. Es hat den Anschein, als hätte wenigstens Skyler einen hartnäckigen Stalker. Aber obskurerweise bekommen sie beide alsbald wortidentische Mails.
Das zweite Problem überrascht sie – denn ihre Freundin Sophie Rolland aus Paris meldet sich, die nach letzten Nachrichten glücklich verliebt in einen Landsmann war. Nun ist sie tränenüberströmt und gesteht, sich von ihm getrennt zu haben … weil er ihr einen Antrag gemacht hat. Ob sie ihn denn nicht liebe. Doch, ja, schon, wie verrückt, gesteht die hinreißende Firmenchefin, aber gerade das sei ja das Problem … das Rätsel zu lösen und die beschädigte Beziehung zu kitten, macht dann einen Sprung über den Kanal nach Paris erforderlich.
Als der nächste Auftrag ansteht, geht Parker mit seinem Team nach Berlin. Eine deutsche Automobilfirma hat eine Werbekampagne organisiert, die aber offenbar so überhaupt nicht funktioniert. Während Wendy wieder auf die Beine kommt und ihre übliche quirlige Energie zeigt, beginnt sie energisch mit Hochzeitsplanungen, in die sie Skyler und Parker einbezieht. Sky überrascht zugleich ihren Liebsten damit, dass sie ein Apartment in Boston mietet, um ihm näher zu sein.
Die Geschäftsführerin Monika Schmidt von OhM-Motors erweist sich ebenfalls als bildschöne, starke Geschäftsfrau. Aber die Freunde von „International Guy“ merken rasch, dass sie für diesen Auftrag externe Hilfe brauchen von jemandem, der sich mit internationalem Marketing auskennt. Nur gut, dass sie die ideale Person dafür kennen: Michael Pritchard, von dessen beruflichem Hintergrund in diesem Teil der Serie mehr bekannt wird. Aber der Vorschlag, ihn einzubeziehen, stößt sofort auf absolute Reserve von Monika – und er selbst ist auch zunächst vollständig entrüstet. Erst beim Nachfragen wird klar, weshalb: die beiden waren einmal vor langer Zeit ein Paar, er als Master, sie als Sub, und sie hat ihn übelst betrogen.
Da ist guter Rat teuer – erst recht, als dann Wendy resolut darauf besteht, mit nach Berlin zu kommen und sich „das Biest“ mal genau anzuschauen und ihr ihre Meinung zu geigen …
Vollends haarsträubend wird es dann schließlich im abschließenden Abschnitt des Romans. Der Auftrag führt das Team um den Dream Maker Parker Ellis nach Washington, D.C. Diesmal sollen sie einer Pharmafirma dabei helfen, einen Gesetzentwurf im Kapitol durchzubringen. Dafür benötigen sie unbedingt juristischen Sachverstand, um nicht gegebenenfalls für Formfehler beim Vorgehen haftbar gemacht zu werden.
Parker lässt also einen Anwalt suchen und wird alsbald mit einer aufregenden schwarzen Juristin konfrontiert … die er aus Studienzeiten noch kennt: Kendra Banks. Sie sieht absolut phantastisch aus, hat aber ein klares Problem mit den Jungs von „International Guy“: In der Studienzeit in Harvard war sie mit Royce Sterling liiert, der ihr sogar schon den Ring anstecken wollte – und dann hat sie ihn quasi über Nacht verlassen. Sie gilt im Team darum gewissermaßen kollektiv als verbrannte Person. Dennoch – sie haben keine Zeit, Ersatz zu suchen, und sie ist fachlich die Beste. Also stellt Parker sie ein.
Die folgende Krise im Team ist unvermeidlich und superanstrengend für alle, zumal Kendra mit den Details der damaligen Ereignisse nicht herausrückt, um die es irgendwelche seltsamen Geheimnisse zu geben scheint. Viel schlimmer wird alles, als sie in Washington eintreffen und mit den Verantwortlichen der Firma Pure Beauty Pharmaceuticals zusammentreffen. Denn die Firma verlangt allen Ernstes von ihnen, den Ruf zweier sympathischer Senatorinnen zu ruinieren, um den Gesetzesentwurf zu ihren Gunsten durch den Senat zu bringen. Einen Entwurf, der für das Unternehmen einen Freibrief darstellt, umfangreiche Umweltzerstörungen und unethische Tierversuche zu legalisieren.
Als ihnen das klar wird, stecken sie in einer echten Zwickmühle – denn aufgrund der von Kendra eingefügten Ausstiegsklausel im Vertrag können sie möglicherweise ohne Schaden von der Vereinbarung zurücktreten … aber dann wird das Unternehmen unter der sinistren Vivica Preston sich zweifellos andere Handlanger suchen, um seine Ziele zu erreichen. Also müssen sich die Mitglieder von „International Guy“ überlegen, was sie tun – und sie entschließen sich dafür, der Firma den Krieg zu erklären, um nicht ihrerseits von der Firma ruiniert zu werden …
Man kann wirklich nicht sagen, dass die Serie langweilig wird oder die Herausforderungen auf ein 08/15-Niveau absinken. Nach dem doch eher etwas mäßigen zweiten Band der „Dream Maker“ hat dieser hier wieder deutlich besseres Format. Durchgängige rote Fäden sind die sich vertiefende Beziehung von Parker zu Skyler Paige, die sich immer mehr an ein gemeinsames Leben gewöhnen, und die unheimliche Drohung aus dem Hintergrund, mit denen jemand, der ihnen offenbar recht nahe steht, sie beide verfolgt und ihr Glück torpedieren möchte. Dieser Handlungsstrang wird im letzten Band schätzungsweise eskalieren.
Mit den umfangreichen Neuinformationen z.B. über Michael Pritchard und das Auftauchen neuer Personen (Annie, Kendra und Parkers älterer Bruder Paul, der von der Armee zurück ist und ebenfalls die Liebe seines Lebens gefunden hat – den brasilianischen Soldaten Dennis Romoaldo!) weitet Audrey Carlan das Tableau der Handlungspersonen noch deutlich aus. Bislang keine Rolle spielt Parkers Ex, Kendra McCormick, die ich bislang im Verdacht hatte, die obskuren Mails an Skyler und ihn geschickt zu haben … der Anfang des vierten Bandes legt eine sehr viel beängstigendere Deutung nahe. Und dann ist da auch noch Benny Singleton, ein junger Kerl, der Skyler aus seiner Jugend kennt und damals mit ihr Werbespots gedreht hat, der auf einmal auch in Boston auftaucht.
Man merkt, dass die Autorin gezielt das Personentableau ausweitet, um die zwischenzeitlich in Band 2 eingetretene Schmalspurhandlung wieder zu verbreitern und – wie beispielsweise im Fall ihrer bewunderten Kollegin Sylvia Day – mehr Spekulationsmöglichkeiten zu öffnen. Das tut der Geschichte unleugbar gut.
Gleichzeitig ist natürlich auch zu spüren, dass sie zunehmend versucht, umfassende Familienharmonie herzustellen. Die zunehmende Nähe zu Wendy und Mick ist Indiz dafür, ebenso das Mieten der Wohnung in Boston durch Skyler, und schließlich haben sie sich nun ja schon kleine Hundewelpen zugelegt, Sunny und Midnight, nicht wahr?
Zielkurs: umfassende Harmonie. Aber bis es soweit ist, müssen noch drei Aufträge absolviert werden und ein Stalker oder eine Stalkerin gefasst sein – mehr dazu in der Rezension zum abschließenden Band dieses vierteiligen Zyklus.
Für diesen hier gilt wieder eine uneingeschränkte Leseempfehlung.
© 2020 by Uwe Lammers
In der nächsten Woche kümmere ich mich mal – seltene Ausnahme – wieder um eine Filmrezension. Diesmal nicht um einen Spielfilm, sondern eine Dokumentation … wenn auch eine, die rund 100 Jahre in der Zukunft spielt.
Wie das möglich sein soll, wo diese Zeit doch noch gar nicht da ist? Ach ja, da lasst euch einfach mal überraschen. Ich fand es ein sehr gelungenes Experiment.
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.