Rezensions-Blog 128: Die Seele des Mörders

Posted September 6th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

also, schnallt euch besser an, wenn ihr die unten stehende Rezension lest, die ich vor fast 15 Jahren geschrieben habe… heute geht es um ziemlich harten Stoff, den ich aber nach wie vor für sehr wichtig und unbedingt lesenswert hal­te. Vermutlich wird mir jeder Krimischriftsteller, der das Buch als Berufslektüre kennen dürfte, darin beipflichten. Vielleicht nicht in meinen individuellen Wer­tungen – ich gehe durchaus nicht mit allem konform, was der Verfasser schreibt. Aber in vielerlei Hinsicht konzediere ich, dass er auf dem richtigen Weg ist.

Vermutlich gibt es bei dem vorliegenden gesamtgesellschaftlichen Problem kei­ne Art von Patentlösung. Es werden immer Verluste bleiben, Ungerechtigkeiten womöglich, Opfer ganz sicher. Aber die hier gemachten Vorschläge zur Präventi­on, um eine bessere Zukunft zu ermöglichen, scheinen mir doch wenigstens be­denkenswert.

Folgt mir also, wenn ihr den Mut dazu habt, in die Lektüre eines schaurigen Sachbuches aus dem Bereich der Kriminalistik der Gegenwart:

Die Seele des Mörders

von John Douglas & Mark Olshaker

Orbis-Verlag 2002

452 Seiten, geb.

(Ohne Übersetzerangabe)

Antiquariatspreis: 5.00 Euro

Was muss das für ein Mensch sein, der so etwas tut?

Gibt es ein Kriminalitäts-Gen?

Sieht man Personen an, ob sie Verbrecher sind?

Wie kann man Serienmorde rechtzeitig verhindern?

Das sind Fragen, die in Medien und in der Öffentlichkeit oftmals diskutiert wer­den, wenn es darum geht, im Kielwasser spektakulärer Mordfälle die aufge­brachte Bevölkerung wieder in Sicherheit zu wiegen, zu besänftigen. Denn so bitter das auch sein mag – wo Menschen leben, kommt es beinahe unwillkür­lich zu Morden, und manche von ihnen haben ein dermaßen grausiges Gesicht, dass die meisten Zeitgenossen lieber nicht die Details hören wollen. Und dann doch.

Es gibt eine Ambivalenz in den Seelen vieler „Davongekommener“, eine Art von wohligem Grusel, so schrecklich es klingen mag. Und neben der Erleichterung, den Mörder dingfest gemacht zu haben, ist die Emotion, nicht selbst betroffen gewesen zu sein und gewissermaßen „ohne Gefahr“ Einzelheiten der grausigen Tat erfahren zu können, nie zu unterschätzen. Menschen, die solcherart struktu­riert sind, werden dieses Buch zweifellos genießen können.

Es gibt aber auch noch jene anderen Personen, die das Gegenteil empfinden: eine Art von heiliger Mission, zu verstehen, zu begreifen und künftige Verbre­chen zu verhindern. Dies sind Polizisten, Psychologen, Mediziner und Analytiker, die weltweit in Polizeitrainingseinheiten tätig sind und beispielsweise mit dem amerikanischen FBI zusammenarbeiten oder Teil davon sind.

John Douglas ist 25 Jahre lang FBI-Beamter gewesen und maßgeblich daran be­teiligt, die moderne Verbrechensbekämpfung, die man heute Profiling nennt, in den Vereinigten Staaten zu etablieren. Er erzählt in diesem Buch seine Lebens­geschichte und davon, wie er eigentlich zum FBI kam und dazu, den wohl furchterregendsten Job dieser Welt zu ergreifen. Niemand wird zum Profiler ge­boren.

John Douglas stammt aus Brooklyn, New York. Er wächst als Sohn eines einfa­chen Druckers auf und sein Ziel besteht eigentlich darin, Tierarzt zu werden. Aber im Grunde genommen ist der nicht untalentierte Douglas eher etwas ziel­los. Das zeigt sich auch in seiner Jugend- und Collegezeit. Überall ist er eher mit­telmäßig. Aber er hat ein Talent zum Erzählen von Geschichten, er ist sportlich.

Letztgenanntes Talent führt ihn zu Jobs als Türsteher bei Clubs und schließlich in die Air Force. Hier bringt ihn sein intuitives Geschick, Menschen zu erkennen, in die Personalprüfstelle der Army. Das Ziel des Tierarztes rückt weiter weg denn je, und er empfindet es bald als sehr faszinierend, mit Menschen umzugehen, ihnen zu helfen… und ehe er sich versieht, findet er einen krisenfesten Job, der ihn aus Vietnam fernhält und seinen Neigungen entspricht – beim FBI.

Jedenfalls denkt er das.

Doch das FBI steht Anfang der 70er Jahre noch immer unter dem erdrückenden Schatten von J. Edgar Hoover, die mentale Entwicklung der Gesetzeshüter ist in den 30er Jahren steckengeblieben, und die Zahl der Straftaten im ganzen Land steigt scheinbar unaufhaltsam. John Douglas merkt auch bald, woran das liegt, aber jahrelang ist er fast unfähig, etwas daran zu ändern.

Man versteht den „Feind“ nicht.

Die FBI-Beamten setzen auf die altbewährten Strategien, die Bevölkerung denkt sich, sie können den Bundesbeamten alles überlassen und sich behaglich zu­rücklehnen. Doch das ist falsch. Denn der „Feind“ entwickelt sich weiter.

Douglas stellt in seinem Buch anhand seiner eigenen Karriere die Veränderun­gen im Verhalten der Polizeibehörden gegenüber kriminellen Tätern dar und er­läutert den wohl folgenreichsten Schritt, der dabei je getan wurde: während er mit seiner Einheit auf Reisen durch die Staaten ist und den Dienststellen moder­ne Verhaltenswissenschaften näherbringt, schlägt er vor, doch dabei nicht nur die Fälle wiederzukäuen, die erfolgreich beendet worden sind, sondern auch die Täter in den Gefängnissen zu besuchen.

Oberflächlich betrachtet scheinen es normale Menschen zu sein. Harmlose, manchmal freundliche, friedfertige Personen, doch sie sitzen ein, weil sie Ange­hörige und Fremde entführt, gefoltert und ermordet, sie verstümmelt oder zer­stückelt oder verzehrt haben. Sie sind Ritualmörder, Serienkiller, Massenver­gewaltiger ohne Gewissen, für manch einen die Ausgeburt der Hölle schlecht­hin.

Und auch John Douglas fragt sich: Was sind das für Menschen, die solche Taten begehen? Wie sind sie dazu fähig? Was denken sie sich dabei?

Dies sind Fragen, die die FBI-Beamten bislang allenfalls am Rande interessiert haben, es sind Fragen, die von ihnen kaum beachtet werden. Ein weitgehendes, fast arrogant zu nennendes Desinteresse an den Verbrechern herrscht vor, das letzten Endes auch die Gesellschaft selbst bedroht. John Douglas und seine Männer beginnen aber rasch zu verstehen, dass sie es hier mit einer lebens­wichtigen Frage zu tun haben.

Wer die Mörder nicht versteht, wer nicht imstande ist, in sie hineinzuschlüpfen und mit ihrem Verstand zu denken, der wird sie weder verstehen, noch wird er zukünftige Verbrechen verhindern können.

Denn die Mörder lernen.

Wenn jemand, um nur ein Beispiel zu nennen, seinen ersten Mord aus Affekt – etwa in einem Nationalpark – begeht und ungestraft davonkommt, mag ihn das anfangs niederdrücken. Bald aber wird er daraus Befriedigung ziehen, der de­struktive Trieb wird immer stärker die Oberhand gewinnen, und er zieht erneut aus, um zu morden. Bleibt er auch beim zweiten und dritten Mal „siegreich“, dann lernt er ständig dazu. Mörder perfektionieren ihre tödliche Begabung. Und es wird immer schwieriger, sie aufzuhalten. Zugleich schreitet die Deforma­tion ihrer Persönlichkeit unaufhaltsam fort.

Intelligente Mörder lesen Zeitung. Sie sehen sich Kriminalsendungen im Fernse­hen an, hören Radio, sie halten sich auf dem Laufenden über die Ermittlungen der Beamten. Manchmal sind sie so dreist und bieten den Polizisten ihre Mithil­fe an. Etwas, womit die altgedienten FBI-Männer nie im Leben gerechnet hät­ten. Was muss etwa im Kopf eines Mörders vorgehen, der mit frischen Leichen im Wagen auf dem Highway von der Polizei angehalten wird und freundlich mit den Beamten plaudert, um dann weiterzufahren? Muss er sich nicht für un­glaublich überlegen halten?

John Douglas und seine Spezialeinheit, die bald aufgrund spektakulärer Erfolge dauerhaft eingerichtet werden kann, beginnt damit, basierend auf den Inter­views mit inhaftierten Mördern und zahlreichen Fallstudien, Profile der Mörder zu erstellen. Allmählich kristallisiert sich heraus, dass „Verbrechen“ keineswegs das diffuse Phänomen ist, für das es lange Zeit gehalten wurde. Die Seele des Mörders wird klarer, immer durchsichtiger für John Douglas, bis er imstande ist, sich anhand von Tatortfotos und Obduktionsprotokollen ein Bild von dem Täter zu machen: „Männlich, weiß, zwischen 20 und 30, wahrscheinlich geschieden, Probleme in der Kindheit, Schwierigkeiten mit Frauen, vermutlich recht unan­sehnlich gekleidet. Ich vermute, der Täter hat einen Sprechfehler und fährt einen gebrauchten Volkswagen, drei bis fünf Jahre alt…“

Solcherart sind die Profile, die Douglas erstellt und die ihn in den Ruf bringen, ein Hexer zu sein. Denn oftmals treffen solche Profile bis in kleinste Details mit gespenstischer Genauigkeit ins Zentrum, nur sehr selten weichen sie gravierend davon ab.

Zauberei? Nein, angewandte Kriminalpsychologie. Aber es ist ein langer, steini­ger Weg, bis diese Erkenntnisse so ausgereift sind, dass sie wirklich Menschen­leben retten können. Und dieser Weg ist gepflastert mit Leichen, mit Toten aller Lebensstufen, die manchmal auf bestialischste Weise ins Jenseits befördert worden sind.

Der Leser lernt eine Menge über die Defekte einer zerstörten Kindheit, über kaputte Familien, dominante Mütter, über Menschen, die von klein auf den Un­terschied zwischen Gut und Böse nicht richtig vermittelt bekommen, über Ob­sessionen, Fetischismus, über die Verschärfung harmlos wirkender Anfänge, an deren Ende oft ein zügelloser Blutrausch steht.

Und immer wieder kommt die Lektion zum Vorschein: Unterschätze den Gegner niemals! Denn jeder Fehler in diesem unerklärten Krieg der Gesetzeshüter ge­gen diejenigen, die meinen, sie selbst seien Richter über Leben und Tod – also die Mörder – führt zu schrecklichen Tragödien.

Und manchmal, das muss auch John Douglas zugeben, manchmal gewinnt der Drache. Es gibt Verbrechensserien, die anfangen und trotz intensivster Aufklä­rung keine Lösung erhalten. Es gibt viele Möglichkeiten, woran es liegen kann, dass Mordserien plötzlich abreißen, ohne dass der Täter gefasst worden ist. Douglas nennt einige: Selbstmord etwa (bei Serientätern aber eher unwahr­scheinlich), der Mörder kann wegen geringerer Vergehen verurteilt worden sein und in Haft sitzen. Wegzug in andere Bundesstaaten oder in Länder außerhalb der USA.

Die Mörder jedoch, die noch immer auf dem Bundesgebiet leben und morden und jene, in deren Geist die Bombe tickt, die sie eines Tages zu Mördern ma­chen wird, sie können im wesentlichen mit Hilfe des Profiling aufgespürt wer­den. Leider erst, wenn sie schon Menschenleben vernichtet haben. Doch ohne solche Aufklärungsinstrumente in den Händen psychologisch versierter Polizis­ten wäre die Gesellschaft dem Verbrechen viel wehrloser ausgeliefert…

Das Buch ist ein beeindruckendes Plädoyer für eine psychologische Durchdrin­gung der Strafverfolgungsbehörden, ein Werk, das seinen unschätzbaren Wert dadurch gewinnt, dass der Leser durch John Douglas´ Augen einen Blick wirft in die Seele des Mörders, in den Abgrund der Finsternis, in dem man nur unstruk­turiertes Böses vermutet, vor dem man sich ängstigt. Er zeigt auch, dass zwar Vorsicht angebracht ist, dass ein solch diffuses Urteil aber gänzlich falsch ist.

Nicht, dass es die Sache besser machen würde. Manchmal gehen die Details, die er beschreibt, wirklich an die Nieren, und ich musste das Buch gelegentlich aus der Hand legen, weil es sich nicht mehr ertragen ließ (etwa in diesem furchtbaren Kapitel um die Atlanta-Kids). Weil er den Opfern ihre Identität zu­rückgibt. Jeder von ihnen wird mit Namen genannt, bei vielen erfährt man, wie alt sie waren, aus welchen Elternhäusern sie kamen, wie die Familien auf den Verlust reagieren, und in welchem Zustand die Opfer waren, als sie dann end­lich gefunden wurden. Ja, und bei den meisten sieht man sich auch dem Täter gegenüber, schlüpft durch Douglas in das Opfer während der Gefangenschaft, Folterung und Ermordung… und in den Kopf des Mörders.

Natürlich würden die meisten Menschen davon gerne nichts wissen. Für viele sind Mörder einfach Ungeheuer, zumal dann, wenn es sich um Kinderschänder oder Sexualmörder handelt. Aber solche Simplifizierung, die auch in bundes­deutschen Medien gerne aufgegriffen wird, weil sie die Dinge so erleichtert, ist schlicht falsch. Nehmen wir nur die gerne gestellte Forderung nach Kastrierung von Vergewaltigern. Was hält Douglas davon, nach 25 Jahren Dienst, in denen er Tausende von Mordopfern kennengelernt hat? Ja, man muss kennengelernt sagen. Die furchtbar verstümmelten Toten sind Teil seiner Familie geworden.

Also, er sagt, „dass es nichts bringt, einen Serienvergewaltiger zu kastrieren – so verlockend die Idee manchem von uns auch erscheinen mag. Das Problem ist, dass es sie nicht aufhält, weder physisch noch emotional. Vergewaltigung ist definitiv ein Verbrechen aus Wut. Schneidet man einem Mann die Eier ab, hat man einen wirklich wütenden Mann.“

Will heißen: es geht nicht um Sex. Es geht um Gewalt gegen Frauen. Nimmt man einem Vergewaltiger die Fähigkeit zur Ausübung des Sex, so hat er noch immer Hände, um zu morden, und dann wird er es gewiss tun.

Unangenehme Wahrheit? Vermutlich aber zutreffend.

Ebenso ging mir Douglas letztendliches Plädoyer für die Todesstrafe gehörig auf die Nerven, das will ich gar nicht bestreiten. Dass er sie damit flankiert, man solle die Gesellschaft zugleich zu einem besseren Erziehungsstil bewegen und die Nachbarn dazu bringen, dass sie aufmerksamer ihre Nachbarschaft beob­achten, um etwa brutale Eltern davon abzuhalten, ihre Kinder zu misshandeln (was viele von ihnen später zu Verbrechern macht, weil ihre Persönlichkeit da­mit geschädigt wird), macht die Sache nicht erträglicher. In meinen Augen ist die Todesstrafe nach wie vor keine sinnvolle Strafe, weil das, was man gerne als Argument für sie ins Feld führt – Abschreckungswirkung – eigentlich nicht vor­handen ist. Diejenigen, die man hinrichtet, kann man nicht mehr abschrecken. Und den Rest potenzieller Gewalttäter brutalisiert man auf diese Weise höchs­tens.

Das Dumme an diesem Plädoyer für die Todesstrafe (oder dauernde Gefängnis­verwahrung) für Serienvergewaltiger und Serienmörder ist…, dass ich ihm psychologisch nicht widersprechen kann. Ich habe leider kein Gegenkonzept, das tragfähig ist. Lobotomie oder dauerhafte Gehirnwäsche widerspricht zwei­fellos den Menschenrechten in demokratischen Gesellschaften.

Dem Leser wird also für den Gewinn an Information hier eine Menge an Nerven und Seelenruhe abverlangt. Und es werden ihm Fragen gestellt, die unange­nehm an der eigenen Seele nagen. Dennoch, ungeachtet der Tatsache, dass ich manches in dem Buch einfach moralisch nicht akzeptieren kann, ungeachtet dieser Tatsache halte ich Die Seele des Mörders für außerordentlich wichtig.

Verbrechen ist nun einmal Bestandteil der menschlichen Gesellschaft, und je mehr Menschen den Globus bevölkern, desto wahrscheinlicher ist es, dass man mit Verbrechen im nächsten Umfeld, vielleicht innerhalb der eigenen Familie, konfrontiert wird. Natürlich wird das immer schockieren. Aber dieses Buch könnte helfen, zu verstehen, wie es dazu kommt. Und vielleicht Eltern davor be­wahren, ihre Kinder so zu behandeln, dass sie die Mörder von morgen werden.

Das ist es wert, unsere eigene Seele mit diesem Wissen zu belasten.

Tut es, eurer Zukunft wegen.

© 2003 by Uwe Lammers

Ja, ich sagte ja eingangs, das ist harter Stoff, und manch einer von euch – fürch­te ich – hat diesen Text nicht fertig lesen können, weil es ihn so schauderte. Ihr seid in guter Gesellschaft. Ich bemerkte ebenfalls oben, dass ich Douglas/Olsha­ker nicht in einem Rutsch lesen konnte… und das dürfte euch wohl, wenn ihr das Buch gefunden habt und zu schmökern beginnt, sehr ähnlich gehen.

In der kommenden Woche bleiben wir bei Sachbüchern, kümmern uns aber um unser Lieblingsgenre – die Science Fiction. Diesmal aus der Feder eines Autors, den ich persönlich kennen lernte, als er noch Mitglied im Science Fiction-Club Baden-Württemberg (SFCBW) war.

Neugierig geworden? Gut so. Dann sehen wir uns in sieben Tagen an dieser Stelle.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

vor acht Wochen verließ ich euch im Oktober des Jahres 2007 mit dem Verspre­chen, diesmal im November gleichen Jahres mit meinem Bericht fortzufahren, was ich damals im Rahmen der „Annalen“ im OSM begann, weiterschrieb oder vollendete. Dann lasst uns doch mal schauen, wie weit wir heute kommen wer­den:

Ich arbeitete zunächst an „In der Hölle“ weiter (damals noch als „Story“ klassifi­ziert, ihr kennt das). Dann bemühte ich mich um eine Neuformatierung des zweiten Romans der Edward-Norden-Saga (ENS), als des OSM-Romans „Der Herrscher von Arc“. Er war damals schon seit langem in Etappen im Fanzine „Baden-Württemberg Aktuell“ (BWA) abgedruckt worden, aber ich hatte es stets versäumt, diese gründlich überarbeiteten Einzelkapitel zu einem kompak­ten Manuskript zusammenzufügen. Um es kurz zu machen: es gelang mir in die­sem Monat nicht. Generell kam ich in dem Monat auf keinen grünen Zweig. Nur 7 fertig gestellte Werke, davon ein BWA, das ich redaktionell betreute – Ausga­be 290, die Mars-Sonderausgabe – , und drei Gedichte… kein glorreicher Mo­nat.

Im Dezember versuchte ich, ebenfalls wenig erfolgreich, etwas mehr aufzudre­hen. So schrieb ich weiter an „DER CLOGGATH-KONFLIKT“, an der Novelle „Neu-Babylon“ und diversen Episoden des KONFLIKTS 2 „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI), und ich versuchte mich an dem Weiterspinnen der Hand­lungsfäden in KONFLIKT 22 „Oki Stanwer – Der Schattenfürst“ (DSf), doch eben­falls ohne Erfolg.

Immerhin – am 30. Dezember konnte ich noch einen dazu gehörigen Hinter­grundtext schreiben, nämlich „Das Rätsel der Talather“. Aber glaubt bitte nicht, dass ich bis zum Jahre 2016 eine Chance fand, etwas mehr über die Talather zu schreiben. Bis es zum ersten echten Kontakt mit der Bevölkerung des „Saumrei­ches“ der Galaxis Xeloon kommt, die in der Gegenwart lange ausgestorben ist, wird es wohl 2018 werden, fürchte ich. Manche Handlungslinien brauchen im OSM einfach sehr viel Zeit…

Tja, und damit war das Jahr 2007 auch schon vorüber. Unter dem Blickwinkel der „Annalen“ war das eine eher enttäuschende Erfahrung, recht ernüchternd. Nun denn, dachte ich mir: das neue Jahr liegt vor mir, also kann ich mit voller Energie durchstarten.

Das gelang nur bedingt. Ein wesentlicher Grund dafür war natürlich, dass ich mich als Chefredakteur des Fanzines „Baden-Württemberg Aktuell“ (BWA) im­mer noch verpflichtet fühlte, meine Kreativautobiografie „25 Jahre im Dienst der Kreativität“ zu vollenden, von der dann in diesem Monat tatsächlich die Teile 7-9 fertig werden sollten. Ansonsten kam ich zwar zu einigen Rezensionen und Episoden, aber das war auch schon alles Nennenswerte.

Der Februar sah nicht schöner aus. Ich versuchte hier, zurück in den verrückten OSM-KONFLIKT 28 zu gelangen, d. h. in die Serie „Oki Stanwer – Der Siegeljä­ger“ (DSj), in der die Episoden inzwischen atemberaubende Ausmaße ange­nommen hatten. Das ging natürlich einher mit einer nicht minder atemberau­benden Verlangsamung des Schreibtempos… das war da sowieso angebracht, weil der KONFLIKT 28 aufgrund seiner rätselhaften Struktur das reinste Minen­feld war. Ich schaffte es also gerade einmal, Band 48 „Das Sirianer-Problem“ zu schreiben. Selbst wenn ich mit den Skizzen bis inklusive Band 56 kam, also bis zu dem ungeheuerlichen Band „Die Mauern der Offenbarung“, der tatsächlich als Handlungsschauplatz nichts Geringeres hat als TOTAMS Leiche (!), klappte sonst rein gar nichts. Endresultat des Monats: frustrierende 4 Werke, davon zwei Rezensionen und eine Fanzine-Redaktion.

Der Grund für diese ineffektive Kreativitätsleistung lag völlig auf der Hand: tägli­ches, zeitraubendes Pendeln zwischen Braunschweig und Salzgitter zur Arbeit, nahezu überhaupt keine Freizeit mehr… kein Wunder, dass ich da völlig ein­brach.

Im März schwappte dann, wie zum gerechten Ausgleich, wieder der Archipel über mich hinweg und riss mich in ein paar Langzeitprojekte, die bis heute nicht beendet sind. Ich vergrub mich außerdem in KONFLIKT 24 „Oki Stanwer – Der Neutralkrieger“ (NK), wo ich endlich mit dem HANKSTEYN-Zyklus fertig werden wollte. Ich war doch immerhin schon im vorletzten Band, Band 53, mit dem programmatischen Titel „HANKSTEYN“ angelangt. Glaubt ihr, dass ich das fer­tigstellen konnte?

Natürlich nicht.

Mann, was war ich gefrustet!

Es war auch nur ein geringer Trost, dass ich es am 24. März wenigstens auf die Reihe bekam, „Der Herrscher von Arc“ endlich in eine kompakte Datei zu über­führen und auszudrucken. Das stellte nun wirklich keine gescheite Kompensati­on dar.

Im April 2008 überrollte mich dann ein erneuter Todesfall unter Phantasten – und ich schrieb einen kurzen Nachruf auf Sir Arthur C. Clarke, den ich mit Recht als „große Gestalt“ charakterisierte.1

Woran arbeitete ich im April 2008 noch? Nun, etwa an der „Story“ „Ian und der Stein der Götter“. Ich machte eine wenig erfolgreiche Stippvisite im KONFLIKT 21 „Oki Stanwer – Fürst von Leucienne“ (FvL), wo ich leider auch nur im Schne­ckentempo vorwärtskomme.

Und dann war der Monat schon wieder um! Nur 8 fertige Werke! Verdammt noch mal!

Sah Mai 2008 besser aus? Bedingt. Auch nur 8 fertige Werke, aber immerhin darunter NK 53 „HANKSTEYN“, so dass ich mit dem Schlussband „Tödliche Ent­scheidung“ beginnen konnte… ein Band, der leider bis heute nicht vollendet ist. Aber ich sage soviel: inzwischen hat er immerhin schon 84 einzeilige Seiten… und ist ein solches Drama, dass ich eben, während ich mal kurz herüberzappte – das geht bei digitalen Dateien so verführerisch leicht – , doch glatt eine halbe Stunde Lektürezeit darin festsaß. Verdammt, ist das guter Stoff… zu schade, dass ihr noch sehr lange darauf warten müsst, bis ihr das selbst lesen könnt.

Weiterhin kam ich im Mai 2008 dann im Grunde genommen nur noch dazu, eine längere Novelle aus KONFLIKT 16 „Oki Stanwer – Der Mann aus dem Nichts“ (DMadN) weiterzuschreiben, nämlich „Quisiins letzter Fall“. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass dieses Werk inzwischen auch fertig ist, aber so verhält es sich leider nicht. Es ist eins der zahllosen Fragmente, das noch auf die Fertigstellung wartet. Seufz.

Und dann war der Mai 2008 auch schon vorbei. Wieder nur 8 fertige Werke. Es war echt zum Heulen!

Im folgenden Monat konnte ich endlich mit dem 12. Teil die Artikelserie „25 Jahre im Dienst der Kreativität“ abschließen, die mich viel Zeit und Energie ge­kostet hatte. Prompt witterte mein kreativer Verstand Morgenluft, verständli­cherweise. Jedenfalls gewissermaßen eine Sekunde lang. Das hing ebenfalls da­mit zusammen, dass Mitte dieses Monats die Arbeit für das Stadtarchiv Salzgitter abgeschlos­sen wurde und meine nächste Anstellung erst zum 1. November 2008 zustande kommen würde.

Ich hatte also prinzipiell Luft zum Schreiben. Und verdammt, ich nutzte sie, das könnt ihr aber wohl glauben!

Zunächst schwamm ich in das OSM-Fragment „Parasiten aus dem Kosmos“ zu­rück, aber nicht sehr lange… weil nämlich der Archipel, namentlich „Rhondas Reifejahre“ meine Energie zu fokussieren begann. Da es in dieser Artikelserie nicht primär um den Archipel geht – das werde ich vermutlich beizeiten in einer eigenen Serie mal ausführlicher behandeln – , blende ich diesen Aspekt hier mal vollkommen aus und beschränke mich weiterhin auf den OSM… das ist na­türlich einigermaßen kompliziert, weil ich mich nun im Juni nahezu vollkommen auf den Archipel konzentrierte.

Das brachte die Tatsache des Rhonda-Romans eben so mit sich – es wucherten auch in den nächsten Monaten bis zu Beginn meiner neuen Beschäftigung mehrheitlich Archipel-Ideen in meinem Kopf. Und um ehrlich zu sein, war es das jetzt unter dem Blickwinkel der „Annalen“ schon wieder für Juni 2008 mit mei­nen Schreibaktivitäten.

Auch im Juli sollte das so weitergehen. Rhonda-Roman, zahlreiche Archipel-Fragmente sowie zwei andere längere erotische SF-Romanfragmente, die bis heute unvollendet sind. Sie gehören zu einer weiteren Welt, die ich in diesen Tagen entdeckte. Ich nannte diesen Kosmos das „Erotic Empire“. Aber bis ich euch darüber was erzähle, das wird noch dauern.

Tatsache ist jedenfalls, dass ich im Juli 2008 hinsichtlich des Oki Stanwer My­thos auf keinen grünen Zweig kam. Leider. Und da ich so schön jetzt vorwärts­gekommen bin, was diese Artikelreihe angeht, werde ich für heute schließen. In der nächsten Ausgabe der „Annalen“-Subreihe des Blogs erzähle ich euch was über den August 2008 und die folgenden Monate. Lasst euch da mal über-raschen, wie weit ich kommen werde.

Und wohin es in der kommenden Woche geht, das möchte ich heute auch noch nicht verraten – bleibt gespannt, Freunde!

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Interessanterweise ist er immer noch mental in der Gegenwart präsent. Erst am 25. Juni 2017 wurde ich im Kino wieder mit seinem Namen konfrontiert. Er wird mit einem passenden Ausspruch in „Transformers 5“ gewürdigt. Soviel Tiefgang hätte ich Regisseur Michael Bay gar nicht zugetraut… wenn mir diese Bemerkung gestattet ist.

Rezensions-Blog 127: Das Todeswrack

Posted August 29th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

heute geht es um meine im Jahre 2012 gemachte neue Leseerfahrung mit Col­laborations-Autoren von Clive Cussler. Ich kannte ja schon seit einiger Zeit Grant Blackwood, aber nun lernte ich halt Paul Kemprecos und seine Helden Kurt Austin und Joe Zavala kennen und sehr schnell schätzen, ganz zu schweigen von Gamay Trout und ihrem Ehemann Paul. Und natürlich brauchte ein solcher Neu­einstieg eines Autors in den schon recht weit gediehenen, kontrafaktischen Cussler-Kosmos einer knalligen Story, die den Leser packte.

Ich kann wirklich mit Fug und Recht auch nach fünf Jahren immer noch sagen: Ziel erreicht. Das Titelbild der frühen Ausgabe, das ich besitze, mag völlig be­scheuert sein (es gab später eine Neuauflage mit hübscherem Cover), und auch der Titel ist ziemlich abwegig und deckt nur einen kleinen Teil der Story ab. Die ist für sich genommen aber schon wirklich packend.

Worum es im Detail geht, findet ihr genau hier, wenn ihr weiterlest:

Das Todeswrack

(OT: Serpent)

von Clive Cussler & Paul Kemprecos

Blanvalet 35274

576 Seiten, TB, 2000

Aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild

Ich wusste von diesem Buch seit ziemlich genau zehn Jahren, aber obgleich ich es viele Male in den Buchhandlungen sah, zögerte ich doch all die Jahre, danach zu greifen. Der Grund ist vielleicht ein wenig sonderbar, und im Nachhinein wirkt er geradezu schrullig und lächerlich: ich verband die NUMA, die National Underwater and Marine Agency, eigentlich stets mit Clive Cussler und mit sei­nem Heldengespann Dirk Pitt und Al Giordino, die nun wahrlich aus fast zwanzig Romanen bekannt sind. Und ich war mir unsicher, auf einmal NUMA-Abenteuer mit völlig unbekannten „Helden“ vorgesetzt zu bekommen. Ob das wohl bekömmliche Kost sein mochte? Wie wohl dieser Paul Kemprecos schreiben würde, der ja für mich ein buchstäblich unbeschriebenes Blatt war? Ich hatte keine Ahnung.

Was bewog mich dazu, mir dieses Buch dennoch zum Geburtstag anno 2011 zu wünschen? Zweierlei. Zum einen hatte ich entdeckt, dass die Dirk Pitt-Abenteuer von Cussler erstens immer rarer wurden und zum zweiten in den letzten Jahren mehr und mehr von absurden Handlungskonstrukten und alber­nen Gags sowie einer Altmänner-Melancholie überschattet wurden. Cussler und Pitt kommen halt in die Jahre, und man merkt es deutlich – Cussler ist glücklicherweise nicht jemand, der wie etwa weiland der verstorbene Thriller­autor Colin Forbes seine Helden statisch einfriert und nicht mehr altern lässt, sondern Pitt nutzt sich deutlich ab, was zwar einerseits realistisch und sympa­thisch ist, zugleich jedoch die Spannung der Romane nach und nach erschlaffen ließ.

Zum zweiten las ich mit Grant Blackwoods exzellentem Roman um das Ehepaar Sam und Remi Fargo einen Collaboration-Roman mit Cussler, der mir deutlich zeigte, dass solche Kooperationsprojekte durchaus äußerst faszinierend und le­senswert sein konnten.1 Außerdem gab es inzwischen eine ganze Reihe von Cussler/Kemprecos-Romanen, was darauf hindeutete, dass sie nicht nur „Schrott“ sein konnten. Sie verkauften sich offensichtlich gut. Also, Zeit für ein Experiment.

Vorab gesagt: ein tolles Experiment (auch wenn der deutsche Titel an Dumm­heit nur schwer zu überbieten ist). Ich bin inzwischen eifrig auf der Jagd nach den weiteren Romanen! Doch nun zum Buch selbst:

Wie üblich in Cusslers Romanen gibt es ein nautisch-historisches Vorspiel, das diesmal gar nicht so weit in der Zeit zurückdriftet. Genauer gesagt: ins Jahr 1956 vor die Küste von Nantucket. Ein schneidiges Passagierschiff aus Italien ist auf dem direkten Weg nach New York. Es erreicht den Hafen nie. Bei dichtem Nebelwetter wird der Luxusliner Andrea Doria von der „Stockholm“ gerammt und so schwer beschädigt, dass er binnen kürzester Zeit sinkt. Die meisten der Passagiere und Besatzungsmitglieder überleben das Unglück und werden geret­tet, aber das Schiff selbst legt sich auf die Seite und sinkt gut 60 Meter tief auf den Grund des küstennahen Meeresbodens.

Zuvor jedoch ereignen sich seltsame Dinge: der Steuermann der Stockholm, der im letzten Moment sehr gezielt auf das Passagierschiff zugesteuert zu haben scheint, ist spurlos verschwunden. Und der junge Kellner Angelo Donatelli, der auf der havarierten Andrea Doria versucht, einen Wagenheber zu besorgen, um eine eingeklemmte Passagierin zu retten, wird heimlich auf dem Autodeck des Schiffes Zeuge eines brutalen Mordangriffs auf eine Wachtruppe, die einen Pan­zerwagen bewacht. Allerdings wird danach nichts gestohlen, sondern rätsel­hafterweise werfen die Mörder ihre Opfer nur in den Wagen und machen sich danach aus dem Staub. Das Mysterium sinkt mit in die Tiefe des Meeres.2

Knapp 45 Jahre später wird die amerikanische Wissenschaftlerin Nina Kirov von ihrem Doktorvater Professor Dr. Knox zu einer wissenschaftlichen Grabung nach Nordafrika „entführt“. Da sie die einzige Person mit Tauchfähigkeit ist, fällt ihr bei dieser Exkursion die Rolle zu, bei einem Tauchgang in der Bucht vor der Rui­nenstätte einen versunkenen phönizischen Hafen zu entdecken – und ein stei­nernes Gesicht, das höchst fatal einem der Olmekenkultur aus Mittelamerika ähnelt. Was definitiv historisch völlig unmöglich ist – zumindest ist es eine ar­chäologische Anomalie. Sie informiert nur eine einzige befreundete Wissen­schaftlerin in den Staaten darüber, aber der Mailverkehr wird kontrolliert, und kurz darauf taucht eine rücksichtslose Killergruppe auf, die kurzerhand alle Mit­glieder der Expedition exekutiert. Nina kann mit sehr viel Mühe ins Meer ent­kommen und wird hier bald darauf von zwei smarten Tauchern der NUMA gerettet.

So, und da haben wir sie also: Auftritt von Kurt Austin und Joe Zavala von der NUMA, den Helden der neuen Serie. Austin, ein Hüne von Mann mit frühzeitig gebleichtem Haar ist unter anderem Sammler antiker Duellpistolen und lebt auf einem umgebauten Hausboot auf dem Potomac, außerdem hat er einen be­merkenswerten Hang zu philosophischer Literatur. Sein Freund Joe, der mexika­nische Wurzeln aufweist und etwas kleiner und naturgemäß dunkler ist, ent­puppt sich als Mechanikergenie mit schrulligem Humor, Singtalent (mit dem er Austin fast in den Wahnsinn treibt) und einer innigen Neigung zu Frauen­abenteuern. Und ehe sich der Leser versieht, steckt er mitten in einer Geschich­te fest, in der es von sympathischen Personen, abenteuerlicher Action und ver­wirrenden Geheimnissen nur so zu wimmeln beginnt, ganz zu schweigen von unzähligen neckischen Anspielungen, die breites Zeugnis von der Belesenheit des Verfassers ablegen und von Geschichte über den „Wizard of Oz“ bis Star Trek reichen – es gibt reichlich Grund für Gekicher.

Für die Action gibt es auch reichlich Gründe, denn die Killer geben natürlich nicht auf. Sie wollen Nina Kirov unbedingt vom Leben zum Tode befördern (was sie bei ih­rer Kontaktperson in den USA übrigens bestürzend schnell schaffen und zu­gleich zeigt, dass diese Organisation international tätig ist). Kurt Austin und Joe Zavala verhindern allerdings, dass die rätselhaften Massenmörder ihr Ziel errei­chen, das nun ebenfalls darin bestanden hätte, das NUMA-Schiff vor Marokkos Küste mitsamt Besatzung dazu zu versenken.

Es stellt sich außerdem heraus, dass diese Mörder bestens präpariert waren – unter anderem auch für eine Unterwassersprengung. Das möglicherweise ol­mekische Artefakt, das Nina Kirov gefunden hat, ist nämlich von ihnen ge­sprengt worden… und das alles ist erst der Anfang. Im Zuge der immer haar­sträubender werdenden Suche nach den Gründen dieser abenteuerlichen Ge­schichte kommen die Freunde nach und nach einem mörderischen Komplott auf die Spur, dem überall auf der Welt archäologische Expeditionen zum Opfer fallen. Sie finden eine Fährte zu einer karitativen Organisation namens Time-Quest, aber das bringt sie alles nicht richtig weiter.

Schlimmer noch: es gibt bald darauf einen weiteren Nebenstrang der Handlung, der scheinbar mit der Hauptgeschichte nichts zu tun hat (das anzunehmen, ist natürlich ein arger Fehler, den eigentlich nur Leute begehen können, die keine Cussler-Romane kennen): mitten im Dschungel von Belize versucht nämlich Ga­may Trout, die sportversessene und geschichtsbesessene NUMA-Meeresbiolo­gin (verheiratet mit Paul Trout, einer weiteren neuen Hauptperson des NUMA-Personals), die eigentlich nur auf der Suche nach Abbildungen von Muscheln in Maya-Inschriften ist, einen Professor Chi zu finden. Allein, wie sie ihn findet, ist schon witzig genug, aber es steigert sich unablässig weiter. Etwa, als Chi sie dann mit seiner „Zeitmaschine“ mit in eine versunkene Maya-Stadt bringt, wo sie höchst unpraktischerweise über Grabräuber stolpern und von einem Desas­ter ins nächste stolpern (was die beiden übrigens brillant charakterisiert).

Und ganz so wie die im Roman erwähnten raffinierten „Maschinen“ der Maya greifen die einzelnen Handlungsrädchen der Geschichte ineinander. Zu sagen, der Roman enthielte die konzentrierte Dosis von fünf Abenteuergeschichten, ist noch sehr untertrieben. Selbst für einen recht belesenen Historiker wie mich war es sehr beeindruckend, in den lediglich vier (!) Lesetagen, in denen ich das Buch geradezu verschlang, zu entdecken, wie ungemein belesen der gute Herr Kemprecos ist. Dass Kemprecos – wie Cussler – ebenfalls passionierter Taucher ist und vielfach durch journalistische Tätigkeit hervorgetreten, das merkt man dem Buch an vielen Stellen an, nicht zuletzt an der schön passenden Charakteri­sierung der Wissenschaftler, da hat er ganze Arbeit geleistet.

Da es im ganzen Buch zu keinem Gastauftritt von Clive Cussler kommt (um den selbst Blackwood nicht herumkommt), ist es nahe liegend, dass Cussler lediglich an jenen Stellen nachgeschliffen hat, wo es zu Begegnungen mit Personen des normalen Dirk-Pitt-Kosmos kommt, also Admiral Sandecker, Rudi Gunn oder Julien Perlmutter etwa. Der Rest, namentlich wohl die packende Storyline, die durchaus sehr stringent kontrafaktisch ist, stammt offenkundig allein von Kem­precos und kann sich sehen lassen.

Ich meine, wer daraufhin nun neugierig geworden ist, wie wohl die Olmeken- und Maya-Kultur mit einem phönizischen Hafen in Marokko zusammenhängt (oder gar mit der Andrea Doria), wer gern herausbekommen möchte, was der Geheimorden Los Hermanos damit zu tun hat und wie, um alles in der Welt, Christoph Kolumbus und der sinistre Halcon in diese Geschichte passen (ganz zu schweigen von diesem wahnsinnigen Gebilde „Angelica“), der sollte sich das Buch schnappen und es verschlingen. Das ist wirklich raffiniert zusammenge­strickt. Kleinere, zu vernachlässigende Detailfehler, besonders im Zusammen­hang mit dem gesprengten Olmekengesicht und Kolumbus, kann man dabei durchaus großmütig unter „Anfangsfehler“ subsumieren. Hey, es ist sein Erst­ling, nicht wahr?

Nach dieser Lektüre begriff ich jedenfalls, dass es ein klarer Fehler war, bei den Kemprecos-Büchern bislang zu zögern. Nun, den Fehler bügele ich bald aus. Es gibt noch sieben weitere Kurt-Austin-Abenteuer. Ihr hört bald wieder davon, das kann ich versprechen…

© 2012 by Uwe Lammers

So, genug der Abenteuer? Meinetwegen. Dann greife ich in der kommenden Woche einfach mal zu völliger Abwechslungskost. Schon mal was von „Profilern“ gehört? Aber ganz bestimmt. Menschen, die sich in die Seelen von Kriminellen, meist Serienmördern versetzen und so deren Taten rekonstruieren und versuchen, künftige Morde zu vereiteln. Darum geht es in sieben Tagen.

Das Buch solltet ihr euch wirklich nicht entgehen lassen!

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. Clive Cussler & Grant Blackwood: „Das Gold von Sparta“, 2011. Rezensiert im Rezensions-Blog 8 vom 20. Mai 2015.

2 Ich fühlte mich hier gruselnd an den Cussler-Roman „Hebt die TITANIC!“ (1977) erinnert, den ich mehrfach gelesen habe. Nicht nur wegen meiner TITANIC-Leidenschaft einer der besten Cussler-Romane überhaupt. Vgl. hierzu auch den Rezensions-Blog 87 vom 23. November 2016.

Liebe Freunde des OSM,

auf den ersten Blick sieht die Bilanz des gerade verflossenen Monats, des Mo­nats Mai 2017, in kreativer Hinsicht ganz nett aus – es gelang mir, immerhin 19 Werke abzuschließen… doch frohlockt nicht zu zeitig, der erste Eindruck täuscht leider.

Inwiefern tut er das? Nun… die Majorität dieser Beiträge waren Rezensionen zu Büchern, die ich ausgelesen habe. So schön dieser Monat also auch unter dem Gesichtspunkt angenehmer Lektüre sein mag, so mager fällt er doch auf der an­deren Seite für den Oki Stanwer Mythos und den Archipel aus, meine beiden kreativen Hauptwelten, in denen ich mich viel zu selten aufhalten kann… das ist schlicht meiner Arbeitszeit geschuldet.

Ich erwähnte schon, dass diese einseitige Beanspruchung meiner Zeit eine Gleichgewichtsstörung auslöste, die konstant anhält und leider meine Energie auf dem kreativen Sektor fast vollständig blockiert. Dass ich überhaupt noch dazu komme, etwas zu schreiben, habe ich allein der Tatsache zu verdanken, dass die Lektüre mich gelegentlich zumindest zu Rezensionen inspiriert – in ein paar Jahren, so schätze ich, werdet ihr die in diesem Monat entstandenen Re­zensionen nach und nach im Rezensions-Blog vorfinden.

Was aber hat der Monat nun an relevanten Werken oder Weiterbearbeitungen von OSM- oder Archipelwerken gebracht? Schauen wir uns das mal im Detail an:

Blogartikel 230: Work in Progress, Part 53

(OSM-Wiki)

(DER CLOGGATH-KONFLIKT – OSM-BUCH, Abschrift)

(Roxanne – Archipel-Story)

(12Neu 40: Krieg in Kirrongar)

(Rhondas Aufstieg – Archipel-Roman)

Erläuterung: Ehrlich, das war nur so ein ganz kleiner Anflug. Mir war eigentlich sofort klar, als ich die entsprechende Datei aufmachte, dass das viel zu weit gehen würde. Aber andererseits konnte ich der Verlockung nicht widerstehen, zumindest ein paar Zeilen zu schreiben. Im Maximalfall vielleicht drei Seiten. Leider nicht mehr… die Zeit für längere Werke ist aktuell wirklich noch nicht ge­kommen, da muss ich euch auf den September 2017 vertrösten.

(Das Geheimnis des Vungash – Archipel-Story)

18Neu 88: Wenn Feinde zu Freunden werden…

(Auf und nieder – Archipel-Story)

(Raubgut – Archipel-Story)

(14Neu 43: Das Synox-Komplott)

(14Neu 44: Raumflug nach Toltev)

Erläuterung: Wer „Toltev“ jetzt für einen Planeten hält, was in einer SF-Serie ja durchaus nahe liegt, täuscht sich. 1984, als ich die Episode des KONFLIKTS 14 schrieb, die ich hier aktuell in kommentierter Version abschreibe, war ich recht fasziniert von einem stellaren Phänomen, das im Oki Stanwer Mythos in naher Zukunft noch sehr viel wirkungsmächtiger werden sollte: von Schwarzen Lö­chern. Und irgendwie wusste ich damals schon, dass das was mit den Baumeis­tern zu tun haben würde.

Hatte es wirklich. Inwiefern? Nun, dazu sage ich beizeiten in meinen „Kosmolo­gie-Lektionen“ etwas mehr. Es ist nur für euch vielleicht interessant, zu entde­cken, dass dieses Phänomen mich damals schon umtrieb. Und warum man nun ein Schwarzes Loch namens Toltev zum Reiseziel auserwählen sollte…? Tja, Freunde, das müsst ihr beizeiten mal nachlesen.

Ihr braucht wirklich nicht so ungläubig zu blinzeln, Freunde. Das war tatsächlich schon alles. An den weitaus meisten Tagen, an denen ich überhaupt noch Zeit fand, irgendetwas zu schreiben, reichte meine Kraft gerade mal aus, Vorfassun­gen von Buchrezensionen niederzuschreiben. Üblicherweise schaffe ich so et­was an einem Tag und oftmals aus einem Rutsch. Hier war es fast Standard, dass ich zwei Tage dafür benötigte.

Ehrlich, jetzt am Abend des 1. Juni, wo ich diese Zeilen formuliere, fühle ich mich gründlich ausgepowert. Und ja, ich bin verdammt froh, jetzt ein paar Tage Urlaub zu haben, einfach mal die Seele baumeln und Gott einen lieben Mann sein zu lassen.

Ich denke, in der kommenden Woche wird es wieder deutlich phantastischer – dann nämlich, wenn ich in der Rubrik „Aus den Annalen der Ewigkeit“ mit euch in den November 2007 zurückreise und anschaue, was da so an OSM-relevan­ten Werken geschaffen wurde.

Es würde mich freuen, euch dann recht zahlreich wieder hier auf meiner Seite zu haben. Bis dahin wünsche ich euch alles erdenklich Gute.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 126: Die Zeitspirale

Posted August 23rd, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ja, es ist schon ein Kreuz mit der Unberechenbarkeit meiner Leseempfehlungen, ich weiß. Manch ein Freund, der den Rezensions-Blog rezipiert und konsultiert hat, machte mich schon darauf aufmerksam, dass gewisse Bücher kaum bis gar nicht mehr erhältlich sind. Dieses hier könnte vielleicht auch ein solcher Fall sein, aktuell kann ich das schwer beurteilen… nun, Online-Antiquariaten nach zu urteilen, ist „Die Zeitspirale“ wohl noch zu erschwinglichen und akzeptablen Preisen erhältlich. Lasst mich also fortfahren.

Es dauerte, wie ich unten darstellte, viele Jahre nach Erwerb, bis ich das vorlie­gende Werk lesen konnte. Aber das hat nichts mit seiner Qualität zu tun, son­dern deutlich mehr mit meiner gering ausgeprägten Fähigkeit, Lesepräferenzen festzulegen. Folglich können mich auch alte Werke in meinen Regalen noch regelmäßig überraschen. Das hier stellt eine schöne und durchaus unerwartete Überraschung dar.

Als ich mich in Vorbereitung auf diese Buchvorstellung ein wenig in den WIKIPE­DIA-Eintrag zu Cowper vertiefte, fand ich seine Vita rührend: 1926 als John Middleton Murry, Jr., geboren, Sohn eines britischen Philosophen, besuchte er eine Reformschule und schlug später selbst den Lehrerberuf ein. 1968 im Ruhe­stand begann er damit, Geschichten zu veröffentlichen, zumeist phantastischer Natur unter dem Pseudonym „Richard Cowper“. Ab 1986 wandte er sich von der Schriftstellerei dann ab und der Malerei und der Restaurierung von Antiqui­täten zu.

Als schließlich 2002 seine geliebte Frau starb, folgte er ihr vier Wochen später ins Grab, nach Aussage seiner Töchter starb er „an gebrochenem Herzen“… ich glaube, ihr solltet euch wirklich seine Geschichten, die in dem unten vorgestell­ten Band zu finden sind, besonders unter diesem Blickwinkel anschauen. Auch ich finde, wie es in seinem Nachruf in ALIEN CONTACT heißt, dass Cowper – bleiben wir bei dem Pseudonymnamen – die Menschen und ihre Schicksale zentral wichtig waren. Ich möchte ebenfalls bekräftigen, dass er interessante, ungewöhnliche Perspektiven in die Phantastik einbrachte. Und sein starkes In­teresse an Geschichte und gewissermaßen archaischen Schauplätzen und abge­schiedenen, klösterlichen Idyllen lässt sich ebenfalls nicht kleinreden, das findet man in der unten stehenden Storysammlung an mehreren Stellen. Wie ich betone: es ist ein sehr interessantes Buch, und auch der Autor selbst lohnt defi­nitiv eine Neuentdeckung.

Also, überzeugt euch selbst und lest weiter.

Die Zeitspirale

(OT: The Custodians)

von Richard Cowper

Goldmann Science Fiction 0244

München ca. 1976

160 Seiten, TB

Keine ISBN, nur noch antiquarisch zu erhalten

Aus dem Englischen von Tony Westermayr

Wenn ich ein rund 40 Jahre altes Buch bespreche, bedarf das selbst in Phantas­tenkreisen wie den unsrigen wohl einer Erklärung. Die kann ich relativ leicht ge­ben: das Buch stand bei mir seit dem 8. September 1991, als ich es auf dem Gif­horner Flohmarkt erstand, im Bücherregal, war aber rund zwanzig Jahre meinen Blicken entzogen, weil es sich in Gifhorn befand, ich selbst hingegen in Braun­schweig lebte. Dann wanderte es ungelesen hier in meine vier Wände und reiz­te mich von da ab tagtäglich dazu, es irgendwann einmal zu lesen.

Der Zeitpunkt war gekommen, als es mich direkt nach dem Tod meiner lieben Mutter am 5. Mai 2015 danach gelüstete, für die Fahrten nach Gifhorn Kurzge­schichtenlesestoff haben zu wollen, der zudem schon lange auf mein neugieri­ges Auge wartete. Diese Storysammlung enttäuschte meine Erwartungen nicht, ließen doch der Titel und der Klappentext auf Zeitreisegeschichten schließen. Durchaus mit Recht.

Der vorliegende Band enthält lediglich vier Geschichten sehr unterschiedlicher Länge. Die Titelstory „Zeitspirale“ (The Hertford Manuscript) ist in der Tat eine Zeitreisestory. Der Erzähler dieser Geschichte erbt von seiner Großtante Victoria ein altes Buch, das nach einem Begleitschreiben der Verstorbenen aus einem Posten von Kirchenregistern stammt, das seit über 130 Jahren unberührt ge­blieben sein soll… dummerweise enthält der Einband ein anderes Manuskript, das auf Papier geschrieben ist, das unleugbar aus dem 19. Jahrhundert stammt. Und es datiert auf das Jahr 1665. Noch verheerender – Großtante Victoria hat den Namen des Verfassers früher schon einmal erwähnt: Dr. Robert Pensley, be­freundet sowohl mit ihr als auch mit einem Schriftsteller namens Herbert Geor­ge Wells. Ein Mann, der eines Tages einfach so „verschwand“.

Wer also Wells´ Roman „Die Zeitmaschine“ gelesen hat und wissen möchte, wie sie weiterging, der sollte sich dieser Story zuwenden…

Endzeit-Propheten“ (The Custodians) ist die ursprüngliche Titelgeschichte der Storysammlung und, meiner Ansicht nach, die würdigere. Es ist in gewisser Wei­se eine biografische Spurensuche: Als im September des Jahres 1272 ein einsa­mer Wanderer an die Pforte eines abgelegenen französischen Klosters im Tale des Ix pocht und sich mit „Meister Sternwärts – Seher“ in das Besucherbuch einträgt, ahnt niemand, dass er damit Geschichte schreibt.

Siebenhundert Jahre später verfolgt ein traumatisierter englischer Geistes­wissenschaftler namens Marcus Spindrift den Fährten, die der rätselhafte Meis­ter Sternwärts hinterlassen hat. Sie enden in diesem Kloster, und Spindrift hat eigentlich im Mai 1923 vor, nur ein Weilchen hier zu bleiben. Aber das ist, ehe er das geheime Manuskript des Sternwärts zu sehen bekommt, die „Praemoni­tiones“. Diese Kenntnis, besonders aber der von Sternwärts geschaffene „Ocu­lus“, verändern seinen  Blick vollständig. Denn dieser Ort zeigt auserwählten Individuen einen Blick in die Zukunft, und wer ihn getan hat, vergisst ihn niemals – dummerweise ist das nur die hal­be Geschichte. Denn dann kündigt sich im Sommer 1981 auch noch ein M. S. Harland an, gleichfalls auf den Spuren des Meisters Sternwärts. Und dieser Be­such besiegelt… aber nein, das muss man selbst lesen.

Die moderne Technik ermöglicht die eigenartigsten Dinge, und weshalb soll das nicht in der Kunst ebenso sein? So ist es, dass in der Story „Anamorphose“ (Paradise Beach) ein genialer Künstler namens Igor Ketskoff eine neue Form von Videoinstallation erschafft, die direkt mit dem Bewusstsein des jeweiligen Betrachters interagiert. Und da Hugo Sherwood Bankier und geldbewusster Mensch ist, der weiß, dass moderne Kunst auch langfristige Geldanlage dar­stellt, ist er einer der ersten, der sich solch ein Anamorphose-Bildnis an die Wand hängt. Seine Frau Zephyr findet dieses Ding zunächst eigenartig, wenn­gleich auch sie sich dem Reiz nicht ganz entziehen kann. Immerhin wirkt es ganz so, als handele es sich um eine Art von Fenster auf einen tropischen Strand.

Ihre Freundin Margot Brierly ist davon nicht minder fasziniert. Aber sehr viel mehr Kopfzerbrechen bereiten ihr Zephs außereheliche Eskapaden, denn sie leistet sich einen Liebhaber nach dem nächsten und stößt damit ihren geschäf­tigen Gatten regelmäßig vor den Kopf. Hugo scheint das nicht zu bekümmern… aber dann geschehen seltsame Dinge: in seinem Bett findet Zeph weißen, tropi­schen Sand. Im Büro trockene Reste von etwas, das fatal nach Seetang aussieht. Und schließlich verriegelt ihr Mann den Raum, in dem das Anamorphose-Bild steht, was er noch nie getan hat. Ganz so, als wenn… ja, als wenn ihn damit ein ganz privates Geheimnis verbinde. Zephyr wird unweigerlich sowohl nervös als auch neugierig. Und dann…

Lange nach dem Untergang der ursprünglichen menschlichen Zivilisation, knapp vor dem Jahr 3000 nach Christus, spielt die letzte Story, „Morgendämmerung“ (Piper at the Gates of Dawn) betitelt. Es ist die Geschichte des jungen Tom und seines Mentors, dem Geschichtenerzähler Peter, der durch die in ein feudales Zeitalter zurückgefallenen Ländereien Englands rings um York reist und damit sein Geld verdient. Tom indes, ausgebildet von dem verstorbenen Morfedd, sei­nes Zeichens angeblich ein Zauberer und Meister esoterischen Wissens, besitzt die wunderliche Gabe, mit seiner Flöte die Geister der Menschen zu verwan­deln, Tiere zu besänftigen und Illusionen zu erschaffen. Und er soll in York eine kirchliche Laufbahn einschlagen.

Als der alte Peter dank Toms Spielkunst von einem Erfolgserlebnis zum nächs­ten reist, möchte er den talentierten Jungen nicht ziehen lassen, auch dann nicht, als er vom „Weißen Vogel“ zu erzählen beginnt. Angeblich habe er dem verstorbenen Morfedd versprochen, zu Weihnachten in York zu sein. Und die Bewegung des „Weißen Vogels“ wächst mehr und mehr zu einer menschlichen Lawine an, auf ein Wunder wartend, selbst wenn es vielleicht – der Legende zu­folge – ein entsetzliches werden wird…

Richard Cowper, heutzutage beinahe vergessen, schrieb diese Geschichten vor rund vierzig Jahren, aber selbst damals prognostizierte er bereits solche Dinge wie Nuklearkriege und Klimakatastrophen. Insofern wäre es durchaus nützlich, sich an seine Geschichten aktuell zu entsinnen. Manche seiner Ideen sind über­raschend frisch, gemessen an ihrem Alter. Ein wenig erinnerte er mich deshalb an den gleichfalls lange verstorbenen Philip K. Dick, dessen Geschichten auch erst lange nach seinem Ableben ihre wahre Wirkung zu zeigen begonnen haben, nicht zuletzt als Basis von Verfilmungen.

Sicherlich – Cowpers Stories eignen sich eher nicht für diese Form der Adapti­on, aber sie sind auf beeindruckende Weise in sich schlüssig und gut lesbar. Be­sonders dort, wo sie sich auf quasi-historische Weise in reale historische Kon­texte einfügen, beweist der Autor außerordentliches Geschick. Ein Leser, der Werke nicht nur nach ihrem Erscheinungsdatum beurteilt, sondern auch mal zu dem einen oder anderen älteren Werk greifen will, um sich von raffiniertem Stil und bittersüßer Melancholie einfangen zu lassen, die hier überall fühlbar ist, der dürfte mit dieser Storysammlung ganz richtig liegen.

Klare Leseempfehlung.

© 2015 by Uwe Lammers

So, und in der kommenden Woche bleiben wir zwar in der Chronologie der Er­scheinungsfolge von Clive Cussler-Romanen, aber zugleich lernt ihr ein Paar von neuen Protagonisten in seiner Welt der NUMA kennen. Und macht eine Stippvi­site auf einem legendären versunkenen Schiff – das lohnt sich, versprochen!

Bis nächste Woche, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Wochen-Blog 233: 75 Fragmente… und was die Folge war

Posted August 20th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ihr wisst als langjährige „Follower“ meines Blogs, dass die kreative Welt eines Autors nicht nur aus fertigen Geschichten besteht, ganz besonders nicht die meine. Während viele Schriftsteller aber aus den noch nicht vollendeten Wer­ken gern ein Geheimnis machen und nicht mal die Titel der Fragmente nennen mögen, geschweige denn ihre Zahl, ist das bei mir immer schon anders gewe­sen. Ich kämpfe, wenn man diesen draufgängerischen Terminus verwenden mag, „mit offenem Visier“.

Ihr habt ebenfalls Kenntnis von zahlreichen meiner Fragmente. Jeden Monat tauchen in der Übersichtsrubrik „Work in Progress“ regelmäßig solche einge­klammerten Werke auf, an denen ich mal mehr, mal weniger intensiv weiterge­arbeitet habe. Inzwischen hat die Menge an Fragmenten, das gebe ich ehrlich zu, die Summe von mehr als 300 überschritten. Dazu zähle ich allerdings auch solche OSM-Episoden, die ich abschreibe und kommentiere, wonach sie aus dieser Liste wieder entschwinden.

Ihr merkt daran – die Liste ist nicht endlos, und sie wuchert auch nicht ins Un­begrenzte, es gibt durchaus ein Licht am Ende des Tunnels. Aber in Zeiten wie den gegenwärtigen, wo mir sehr wenig Zeit zum kreativen Arbeiten bleibt, ros­tet allerlei auf üble Weise ein. Das gilt auch für den Bereich der Fragmente. Um das verständlicher zu machen, sei etwas ausgeholt:

Daheim in meiner Schreibklause gibt es für die Fragmente im Wesentlichen drei große „Schubladen“, sag ich mal, auch wenn der Terminus unpassend ist, wie ihr gleich sehen werdet. Ich untergliedere die Fragmente in solche, die dem Ar­chipel zugehörig sind, in solche, die OSM-Ideen ausbrüten und solche, die an­derweitig entstanden sind. Letztere umfassen mehr oder minder phantastische Ideen, aber eben auch Fragmente historischer Aufsätze, von denen viele schlummern.

Die OSM-Fragmente werden in grauen Ordnern untergebracht (wie alle OSM-Werke grundsätzlich in graue Ordner einsortiert sind), die Archipel-Fragmente ruhen in roten Ordnern (der gesamte Archipel-Kosmos ist rot gewandet, er füllt ein ganzes Regal bei mir und wuchert schon etwas darüber hinaus), die sonstigen Fragmente lagern in blauen Ordnern.

Nun kam jüngst der Tag, da ich die Archipel-Fragmentordner wieder einmal durchsah und mit einiger Frustration feststellte, dass die Vorsatzblätter nicht völlig aktuell waren – einige dort verzeichnete Geschichten fanden sich in Wahrheit in anderen Ordnern. Solche „Baustellen“ zu entdecken, das nervt mich immer wieder. Wie soll man mit unvollkommenen Ordnungsunterlagen ar­beiten? Da sind ja Folgefehler unvermeidlich, und am Ende regiert das Chaos. Nee, dachte ich mir also, das muss ich ändern!

Die Verzeichnisse der vorliegenden fünf Archipel-Fragmentordner zu aktualisie­ren, erwies sich als gar nicht mal schwierig. Als ich dann aber daran ging, die Geschichten passend in die Ordner abzuheften, trat das nächste Problem zuta­ge (ist immer so: hat man ein Problem gelöst, findet man das nächste Schlupf­loch des Chaos… muss wohl ein Naturgesetz sein).

Worum ging es?

Um die Aktualität der Ausdrucke.

Ich sah mir einige davon an und entdeckte die handschriftlichen Vermerke „Ak­tualisieren!“, die auf manchen davon standen. Das zeigte mir zumindest, dass mir aufgefallen war, wo Handlungsbedarf bestand. Und eine flüchtige Lektüre zeigte immer deutlicher, wie wichtig das war: Da gab es nicht korrigierte Schreibfehler. Da waren zu breite Ränder (die auf Ausdrucke hinwiesen, die schon über 10 Jahre alt waren). Und dass das „ß“ in vielen Dokumenten noch nicht an die aktuelle Rechtschreibung angepasst war, das schmeckte mir selbstverständlich auch nicht.

Okay, dachte ich finster, dann muss ich wohl in den sauren Apfel beißen. Auf ans Durchsehen, Korrekturlesen, Neuausdrucken. Mir war klar, dass das nicht eine Frage von wenigen Stunden sein würde. Nicht bei fünf Aktenordnern Frag­mente!

Ich zählte anhand der aktualisierten Vorsatzblätter und stöhnte: „75 Fragmente! Das ist doch jetzt nicht mein Ernst! Das glaube ich nicht!“

Nun, aber es waren halt 75 Fragmente… okay, darunter befanden sich auch sol­che Geschichten wie „Die neue Strafe“, „Abenteuer im Archipel“, „Rhondas Aufstieg“, „Verlorene Herzen“ und ähnliche, wo ich eigens vermerkt hatte, dass sie eigenständige Romane waren und eigene Ordner besäßen. Diese Dinge konnte ich also ausklammern, das würde ich mir später vornehmen. Im Fall von „Die neue Strafe“ hatte ich ohnehin schon vor Monaten einen kompletten Neuausdruck gemacht, da gab es also keinen akuten Handlungsbedarf… aber für die Majorität der Fragmente sah das leider anders aus.

Leider oder… nun ja… vielleicht auch zum Glück.

Glück war, dass ich gerade ein paar Tage seltenen Urlaub hatte. Ein langes, ent­spanntes Wochenende lag hinter mir, und ich spürte sowieso den Drang, zu schreiben. Und ihr wisst seit dem Blogartikel 224, dass ich in Richtung des Ar­chipels driftete. Das war also genau die richtige Zielrichtung, ein wenig wie eine abschüssige Straße für einen erschöpften Radfahrer, der Kräfte sparen und sich treiben lassen kann.

Es konnte also nicht wirklich überraschen, was passierte. Es verdutzte mich aber durch seine Intensität dennoch.

Nachdem ich schon das Fragment der Story „Tengoor und Malisia“ binnen ei­nes Tages von 5 auf 19 Seiten erweitert und dann ausgedruckt hatte, ging es mir mit dem Folgefragment „Wandlungen“ noch sehr viel heftiger.

Das Fragment stammt vom 29. Juli 2003, ist mithin also mehr als 14 Jahre alt. Und der Ausdruck war erst alt! Er stammte aus dem Jahre 2004 und umfasste 4 Seiten. Unspektakulär? Auf den ersten Blick: ja. Mein Blick in die digitalen Dateien zeigte mir allerdings, dass das Fragment dort inzwischen 7 Seiten um­fasste, also fast doppelt so lang war. Klarer Aspirant für einen Neuausdruck.

Ich ging die Story also an und wollte an und für sich nur ein wenig nachfeilen… und dann blieb ich daran kleben. Das hatte nichts mit dem Honig zu tun, wirk­lich nicht… also… na ja, vielleicht doch. Denn damit ging eigentlich alles los. Aber damit ihr das versteht, braucht ihr einen kleinen Crashkurs, worum es in der Geschichte geht. Dann könnt ihr wahrscheinlich nachvollziehen, warum ich daran auf einmal so festhing:

Es handelt sich um eine Story, die in der Frühzeit der Archipelmetropole Asmaar-Len spielt, spätestens 835 oder 836 (das ist noch nicht völlig geklärt). Das ist kurz nach der Handlungszeit des Romans „Antaganashs Abenteuer“, von dem, als dieses Fragment entstand, noch nicht mal ein Zipfel zu sehen war. Asmaar-Len ist zu dieser Zeit nicht viel mehr als eine zusammengewürfelte Ansiedlung von Gebäuden in dichtem Urwald an der Küste der Insel Coorin-Yaan, und die Adeligen, die vom fernen Südkontinent hierher geflohen sind und sich eine neue Heimstatt aufbauen, haben jede Menge Probleme.

Problem 1: Das tropische Klima, das den meisten von ihnen auf den Kreislauf schlägt, etwa der Adeligen Carin aus dem Aylaarin-Clan, mit dem die Geschichte anfängt.

Problem 2: Die hier lebenden Archipel-Insulaner huldigen einer Liebesreligion, in der ihre Göttin Neeli und der Sonnengott Laraykos im Zentrum stehen. Und fleischliche Vereinigung zu jeder nur denkbaren Tages- und Nachtzeit ist ihre Vorstellung von Gottesdienst. Weswegen die Majorität der Exilanten sie wenigs­tens als unzüchtige Zeitgenossen einstuft, die zügellosen Mädchen sogar unver­blümt als „natürliche Huren“.

Daraus folgt Problem 3, das direkt in die Geschichte führt: Die kleine Aylaarin-Familie beschäftigt eine Haussklavin namens Solange und seit jüngstem auch einen Gärtner, der Büsche roden und Beete anlegen soll. Als die Hausherrin Carin die beiden in der Vorratskammer dabei ertappt, wie sie pikante erotische Spiele treiben, in die sie ungehörigerweise Honig einbeziehen, reißt ihr der Ge­duldsfaden.

Wenig später ist Solange nackt gefesselt in einer verschlossenen Kammer und soll darauf warten, bis der Hausherr heimkehrt, um sie entsprechend zu be­strafen… dummerweise hat Carins Gatte absolutes Verständnis für Solanges Fri­volität… so etwas läge diesen Mädchen einfach im Blute, er könne sie nicht gu­ten Herzens bestrafen. Auf der einen Seite. Auf der anderen kann er seine Gat­tin aber auch nicht völlig enttäuschen, und man muss ja auch an den eigenen Ruf denken…

Vertrackte Zwickmühle? Natürlich. Aber es gab eine Lösung, die mir während der Überarbeitung des Fragments spontan auffiel. Denn da war auch noch die Haustochter Fiona, die sich nun ihrerseits bereit erklärte, die „unverschämte Sklavin“ zu maßregeln.

Die Eltern nahmen das mit Überraschung, aber auch mit Erleichterung zur Kenntnis… nun, sie hätten sich nicht so früh freuen sollen, dachte ich mir, wäh­rend ich diesen Teil weiter ausarbeitete und aus wenigen Skriptzeilen eine Seite nach der nächsten wucherte. Denn Fiona hatte durchaus ihre eigenen Pläne mit Solange, und da sie sich nun mit ihr im Bestrafungszimmer einschließen konnte und Solange gefesselt war, konnte sie ihre Neugierde nun in jederlei Weise be­friedigen, die ihr durch den Sinn ging.

Rasch musste sie allerdings feststellen, dass die Situation deutlich anders war, als sie sich das gedacht hatte. Statt dass Solange inzwischen vor Furcht und Za­gen verging und um Gnade bettelte, schien sie sich in ihren Fesseln durchaus behaglich zu fühlen, sehr zu Fionas Verständnislosigkeit. Sie versuchte, sich das irgendwie rational zu erklären – und es schien eins auf der Hand zu liegen: ihr Vater Ranshoy hatte Solange in einem Dorf an der Nordküste Coorin-Yaans als Sklavin erworben. Bestimmt war sie in ihrem Heimatdorf schon auf ähnliche Weise gefesselt und dann gezüchtigt worden, und sicherlich war das der Grund, weshalb sie überhaupt in die Sklaverei verkauft worden war.

Nein, völlig falsch, widersprach Solange vergnügt. Ganz verkehrt.

Das mit der Fesselung stimmte schon, aber sie verband damit ganz andere, un­geheuerliche und sehr erregende Erinnerungen. Und sie besaß außerdem eine verwirrende mythologische Erklärung, warum Fesselungen für Sklavinnen kein Grund zum Schrecken seien… jedenfalls nicht für jene, die treue und gläubige Anhängerinnen der Göttin Neeli und ihrer Tochter Shareena seien.

Schlimmer noch: Solange konnte überzeugend nachweisen, dass Fionas Klug­heit ganz nutzlos war, sofern es ihr nicht gelänge, ihren eigenen Körper und sei­ne Reaktionen zu verstehen. Von Orgasmen hatte Fiona jedenfalls noch keine Kenntnis… und so wurde atemberaubend schnell die Situation gründlich verän­dert. Und (der Teil ist noch nicht ausgearbeitet) so erweist sich Solange letzten Endes als Lehrmeisterin der Adelstochter, und sie bewirkt durch die Macht ihrer Worte und ihres Körpers eine fundamentale seelische Wandlung Fionas, die man durchaus als eine Art erotisches Erweckungserlebnis bezeichnen könnte…

Es war schon dunkel, als ich endlich die rauchenden Finger von der Tastatur nehmen konnte. Ich lächelte breit und dachte mir: Ja, da sieht man mal wieder, wie gut es sein kann, Fragmente ein paar Jahre liegen zu lassen und zwischen­zeitlich jede Menge Bücher zu lesen. Nicht zuletzt die Tatsache, dass ich etwa „Shades of Grey“ und zahlreiche andere romantische BDSM-Romane verschlun­gen hatte, wirkte hier deutlich nach. Vieles, was dort über die mentale Wand­lung von Frauen im Dunstkreis sadomasochistischer Gedanken und im Rahmen der dominant-devoten Beziehung geschrieben wurde, half mir deutlich, die oh­nehin im Archipel schon dergestalt angelegten Strukturen weiter auszuarbeiten.

Denn machen wir uns nichts vor – die Legende der Neeli-Tochter und ihrer Mo­nate auf der Archipel-Insel Nor’bu’shonya, wo sie als gedemütigte Sklavin lebt und ihren Ruf als stolze Schutzherrin der Sklavinnen erwirbt (was ich schon 2003 in der Story „Geboren aus der Brandung“ – bisher unveröffentlicht – er­wähnt hatte), das ist ganz zentral eine BDSM-Geschichte. Das ist wohl der zentrale Grund, warum ich sie noch nicht schreiben konnte. Mangelnde Fach­kenntnis… aber wahrscheinlich ändert sich das in der näheren Zukunft.

Als es also Abend wurde, war das Fragment von dem vormals 4seitigen Aus­druck nicht auf 7 Seiten angewachsen, wie ich das ursprünglich intendiert hat­te… jetzt umfasste es vielmehr 25 (!) einzeilige Seiten, und ich hätte durchaus noch weiterschreiben können.

Wow, dachte ich mir – das nennt man mal kreativen Überdruck. Hervorragend! Und ich genoss das wunderbare Gefühl, jedes Gespür für die verflossene Zeit vergessen zu haben. Zwischendrin war – mal wieder – das Teelicht unter der Teekanne erloschen, die CD war an ihr Ende gelangt, das Tageslicht geschwun­den… es kümmerte mich alles nicht. Ich war weg, fortgespült im Schreib-Flow, und das war das verdammt Beste, was mir passieren konnte.

Ihr könnt davon ausgehen, dass das ganz unbezweifelbar noch öfter geschehen wird, wenn ich andere Archipel-Fragmente nachbearbeite. 75 Fragmente klingt also auf den ersten Blick nach einer geradezu erdrückenden Last… aber das sehe ich differenzierter. Es ist mehr eine Art von Kartenblatt, ein Karussell der Möglichkeiten, die sich so aufreizend präsentieren und mich verlocken, den einen oder anderen Pfad favorisiert zu verfolgen.

Gewiss, die Qual der Wahl bleibt bestehen, und es ist absolut wahrscheinlich, dass mich diese Fragmente zu weiteren Werken aufstacheln werden. Doch bin ich zuversichtlich, was die Inspirationskraft dieser Geschichten angeht – sobald ich mehr Schreibzeit besitze, werden einige dieser Werke, und nicht nur die kür­zeren davon, abgeschlossen werden können. Und der Horizont wird sich wieder weiten, sobald die Menge an Fragmenten entsprechend ausgedünnt ist. Ich be­trachte Fragmente nicht nur als Problem, wie es vielleicht eingangs angeklun­gen sein mag, sondern als eine Form von kreativer Reservebank, voll von unbe­kannten Talenten und Handlungslinien… und ja, beizeiten plaudere ich gern wieder wie aus dem heutigen Anlass aus dem kreativen Nähkästchen.

Ach, die verständliche Frage, die sich euch jetzt aufdrängt, wann wohl „Wand­lungen“ fertig sein und, vielleicht noch zentraler, wann ihr sie lesen könnt, die kann ich leider nicht beantworten. Als Prophet tauge ich nicht, schon gar nicht hinsichtlich meiner flatterhaften kreativen Ader. Aber seid versichert, sobald die Geschichte beendet ist, werdet ihr darüber in den „Work in Progress“-Artikeln natürlich informiert. Und zweifelsohne auch, sobald ich mich dazu entschließe, die Story ans Licht der Öffentlichkeit zu hieven.

Ansonsten lasst euch einfach mal überraschen.

In der kommenden Woche erzähle ich euch, was im leider kreativ recht ereig­nisarmen Monat Mai dennoch das Licht der Welt erblicken konnte.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

Doctor Who ist ein Kultphänomen aus Großbritannien, an dem man als ernst­hafter Science Fiction-Fan auf lange Sicht nicht wirklich vorbeikommt… wenn­gleich ich zugebe, dass ich als jemand, der die Phantastik mehrheitlich durch die verschriftlichte Brille betrachtet, mich diesem Phänomen erst sehr spät zu­gewandt habe. Gleichwohl… Berührung mit Doctor Who hatte ich natürlich schon sehr zeitig. Ich entsinne mich der damaligen DW-Buchpublikationen in den frühen 80er Jahren, also während meiner Kindheit. Richtig eingeschlagen hat die Serie damals bei mir nicht, das passierte dann erst anno 2015.

Die Serie startete im Jahre 1963 in Schwarzweiß, mit geringem Budget und eher als Lückenfüller. In gewisser Weise war sie eine Momentlaune, und kaum je­mand machte sich damals Hoffnungen, man könne Filmhistorie schreiben. Und doch kam es ganz genau so, dank ein paar sehr engagierten und überzeugten Machern, die die Serie gegen alle Widerstände durchboxten.

Nun, und pünktlich zum 50. Jubiläum der Ursprungsserie (dass es dazwischen eine lange Sendepause ab 1989 gab, wird geflissentlich unterschlagen, sehen wir mal großzügig darüber hinweg und darüber, dass sich die modernen Abenteuer – inzwischen in neun Staffeln – doch gründlich von den alten unter­scheiden), pünktlich also legt die BBC einen produzierten Fernsehfilm vor, der sich mit just diesen abenteuerlichen Anfängen der Serienproduktion befasst.

Also, Vorhang auf für einen interessanten Film, der uns ins Jahr 1963 zurück­reisen lässt:

Ein Abenteuer in Raum und Zeit

(OT: An Adventure in Space and Time)

Fernsehfilm, BBC 2013

Länge: 83 Minuten

Regie: Terry McDonough

Drehbuch: Mark Gatiss

Musik: Edmund Butt

Wir leben im Zeitalter der so genannten „Biopics“, der verfilmten Biografien wichtiger Persönlichkeiten aus Zeitgeschichte und Kultur. Das ist kein wirklich neues Phänomen, das gab es in Ansätzen für sehr herausragende Personen (etwa Präsidenten) schon in den 90er Jahren. Aber man kann wohl mit Fug und Recht sagen, dass daraus inzwischen eine ganze Filmindustrie entstanden ist, die solche Filme nachfragt. Seien es Monarchen, Premierminister, wichtige In­dustrielle wie etwa Steven Jobs, Geheimdienstchefs usw.

Es war vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand auch der Hinter­grundgeschichte der britischen Science Fiction-Serie „Doctor Who“ annehmen würde. Der vorliegende Film ist gleichwohl in gewisser Weise ein Ausnahmefall der Biopics. Ein Ausnahmefall insofern, als es hier nicht allein um eine einzelne Person geht, die zentral im Mittelpunkt der Handlung steht, sondern gleich de­ren mehrere – und das Schicksal der frühen Serie gleichermaßen.

Wir machen mit dem Film, der auf dem Streaming-Portal burning.series (www.bs.to) zu finden ist, also eine Zeitreise ins Jahr 1963. Der Kalte Krieg ist nach wie vor weltbeherrschend, auch wenn die Kuba-Krise kürzlich erst ab­gewendet werden konnte. Das tangiert Englands Medienlandschaft nur be­dingt. Sidney Newman (Brian Cox) von der BBC hat das viel nahe liegendere Problem, eine halbe Stunde Sendezeit zu füllen. Er verfällt darauf, ein damals schon prominentes Genre zu bedienen: „Wir machen eine Science Fiction-Serie für Kinder!“

Die Leitung der BBC ist skeptisch, doch er betraut die junge, aus einer jüdischen Familie stammende Verity Lambert (Jessica Raine) damit, diese Serie zu entwi­ckeln und zusammen mit ihrem für das Setdesign verantwortlichen indischen Kollegen Waris Hussein (Sacha Dhawan) umzusetzen.

Die erst 27 Jahre zählende Verity hat sich gegen ihre älteren Kollegen durchzu­setzen. Dabei schlägt ihr latenter Antisemitismus ebenso entgegen wie sexuell-chauvinistische Ressentiments („Ich habe gehört, Sie haben sich hoch­geschlafen, um Ihre jetzige Position zu erreichen“). Und Hussein hat es auf­grund seiner Herkunft ebenso wenig leicht. Hier wird sehr klar deutlich, dass die demokratische Gesellschaft Englands, die sich so gern international gab, da­mals noch stark von Vorurteilen dominiert wurde.

Dabei hat es die Serie schon schwer genug. Denn Science Fiction ist selbst bei Newman nur bedingt angesehen. Er will beispielsweise keine „glubschäugigen Monster“ und keine Roboter sehen. Die Kinder sollen gut unterhalten, aber nicht verschreckt werden. Die Setdesigner beschäftigen sich mit allen mögli­chen anderen Dingen, aber nicht mit Lamberts Wünschen, die TARDIS für die Serie zu gestalten.

Auch die Besetzung der Personen der Serie ist schwierig. Newmans Wunsch nach einem „schrulligen alten Mann“, der in einer Kiste haust, damit aber durch Raum und Zeit reist, hört sich einfach abstrus an. Und entsprechend sagen die angefragten Schauspieler auch ab. Niemand will mit diesem seltsamen Projekt etwas zu tun haben. Schließlich macht Verity den alternden Schauspieler Wil­liam Hartnell (David Bradley) ausfindig, einen schwierigen Mann, Kettenraucher und eifrigen Trinker, der launenhaft und unberechenbar ist. Mehr noch: er kann mit Kindern nicht umgehen, und dieser Film soll doch explizit für Kinder sein, nicht wahr?

Es klingt wie die Quadratur des Kreises, und fast völlig unmöglich wird es dann, als zum Start des Drehs nicht einmal die Setdekoration vorliegt – und nur ein einziges Skript für die ersten Folgen, nämlich für den Zyklus „An Unearthly Child“, mit dem die Serie startet, indem die TARDIS mit Doctor Who, seiner En­kelin Susan und den beiden unfreiwillig mitreisenden Lehrern Ian Chesterton und Barbara Wright in die Steinzeit verschlagen wird.1

Doch auch mit dem Start (nicht zu sprechen von den zahlreichen Pannen, die der Film ebenfalls zeigt) ist die Gefahr nicht vorbei. Der Mord an Präsident Ken­nedy überschattet den Serienstart, die Oberen der BBC wollen die Serie wegen mangelnder Zuschauerzahlen kippen, und als Newman im Skript für den zweiten Zyklus die wiederholten Worte „Eliminieren! Eliminieren!“ liest und merkt, dass es um Roboter (!!) geht, „diese… diese Daleks…“, kommen ihm selbst massive Zweifel.

Was dann passiert, ist allerdings so atemberaubend und süß, dass man es sich selbst ansehen sollte.

Wer bei diesem Film ein Abenteuer im Stil der Doctor Who-Geschichten der modernen Zeit sucht, wird vom Titel ein wenig in die Irre geführt. Wer indes ein wenig genauer wissen möchte, wie der Blick hinter die Kulissen der heute welt­berühmten Serie ausschaut und erfahren will, wie prekär und wackelig das alles gestartet ist, der wird mit diesem Film wunderbar unterhalten, das lässt sich kaum anders ausdrücken.

Der Biopic-Charakter bezieht sich insbesondere auf den „1. Doktor“, William (Bill) Hartnell (1908-1975), dessen schwierige Persönlichkeit von David Bradley ausgezeichnet dargestellt wird. Die mürrische Umgangsart, hinter deren sta­cheliger Schale eine warme Herzlichkeit steckt, die aber erst sehr langsam er­wacht, und das allmähliche Hineinwachsen in die Rolle des Doktors, in der er sich nachher wirklich wohl fühlt, kommt ausgezeichnet zum Vorschein. Der Ge­genpart, ebenfalls Teil des Biopics, ist die Rolle der jungen Verity Lambert (1935-2007), dessen Engagement und Kreativität dieser Film gleichfalls ein sehr passendes Denkmal setzt. Jessica Raine füllt auch diese Rolle schön aus.

Dass der „Sherlock“- und „Doctor Who“-Autor Mark Gatiss das Drehbuch des Films mit unglaublicher Liebe zur Serie geschrieben hat, merkt man an zahlrei­chen Kleinigkeiten und vor allen Dingen an der unglaublichen Akribie und De­tailverliebtheit, die die geschliffenen Dialoge, die schön gezeichneten Personen und komplexen sozialen Abläufe zeigen. Es wird auf krasse Schwarzweiß-Zeich­nung wohltuend verzichtet, stattdessen der prozessuale Charakter der Se­rienentstehung und die Interdependenz mit der medialen Außenwirkung schön eingefangen.

Die Handlungszeit reicht von 1963 bis 1966, d. h. bis zum altersbedingten Aus­scheiden von Hartnell aus der Serie. Gegen Schluss bekommt man noch mit, wie der „2. Doktor“ Patrick Troughton (hier dargestellt von Reece Shearsmith) den Staffelstab übernimmt. Und nein, es sind nicht die Daleks, die „Doctor Who“ übernehmen, wie damals gespöttelt wurde… wiewohl sie aus gutem Grund die beliebtesten Gegner des Doktors waren und immer noch sind. Denn selbst im Jahre 2015 in der neunten Staffel der modernen Serie treiben sie nach wie vor ihr Unwesen. Ihr Schöpfer Terry Nation wäre vermutlich sehr erfreut, das zu erleben.

Für alle Freunde, die die alten Doctor Who-Episoden erleben und in ihren Hin­tergründen verstehen wollen bzw. sowieso für alle diejenigen, die sich als Doc­tor Who-Fans verstehen, ist dieser schöne, bisweilen sehr melancholische Film ein unbedingtes Must-have.

© 2016 by Uwe Lammers

Im kommenden Rezensions-Blog bleiben wir im Bereich der Science Fiction, aber da möchte ich euch nach längerer Zeit mal wieder eine ältere SF-Story­sammlung vorstellen. Auch als Zeichen dafür, dass alte Geschichten durchaus nicht schlecht sein müssen, wie wir ja schon im Falle von Ray Bradbury schlagend feststellen konnten. Manche Verfasser sind wirklich auch heute noch eine Neuentdeckung wert.

Um wen genau es geht? Nun, das werdet ihr sehen, wenn ihr nächste Woche wieder hereinschaut. Es lohnt sich auf jeden Fall.

Bis dann, meine Freunde, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. dazu die ebenfalls auf bs.to ansehbaren ersten 4 Episoden der alten Doctor Who-Se­rie. Wiewohl in schwarzweiß und mit deutschen Untertiteln, da in Deutschland nie er­schienen, sind sie durchaus sehenswert.

Liebe Freunde des OSM,

die Welt verändert sich für den jungen Farmerssohn William Taylor jr. auf der Kolonialwelt Hamilton, als er seinen neuen „Freund“ Shush mit in die kleine agrarische Enklave „Albert Hook“ mitbringt. Denn Shush ist einer der legen­dären und berüchtigten „Wanderarbeiter“, von denen er schon viel Geheimnisvolles gehört hat. Doch leider ist das nur sein neuer Ruf. Ursprünglich gehörte Shush der LEGION an, TOTAMS monströser Untotenarmee, die für die Dienste des Bösen stritt.

In „Albert Hook“ halten sich Grusel und Faszination angesichts des lebenden Skeletts die Waage… bis dann Großvater Addison Will erzählt, was er über die „Wanderarbeiter“ aus eigener Anschauung weiß. Und bald danach findet Wil­liam im nahen Wald eine von Shush ausgeschachtete Höhle, und seine na­genden Zweifel werden immer stärker.

Ist Shush ein Freund? Will er tatsächlich nur ehrliche Arbeit, oder verfolgt er einen anderen, womöglich mörderischen Plan?

Aufklärung über diese und weitere Fragen und den dramatischen „Tag des Ter­rors“, der William und allen seinen Freunden und Familienangehörigen bevor­steht und ihr aller Leben grundlegend verändert, erhaltet ihr ab sofort im aktu­ellen neuen E-Book, dem zweiten Teil von „Mein Freund, der Totenkopf“, mit dem Band 6 der Reihe „Aus den Annalen der Ewigkeit“ abgeschlossen wird. Vor­kenntnisse aus der Lektüre der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) sind für die Lektüre nicht notwendig.

Das E-Book kostet 2,99 Euro auf Amazon-KDP. Der einmalige Gratisdownload ist am 22. und 23. August 2017 möglich.

Ich wünsche euch viel Vergnügen bei der Lektüre und freue mich über euer Feedback.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

wie vor sechs Wochen an dieser Stelle versprochen mache ich mit der detaillier­ten kreativen Durchleuchtung meiner Schreibarbeit im Dezember des Jahres 2011 weiter. Das gesamte Jahr stand ich gewissermaßen unter Strom, und das habt ihr bei den letzten Teilen dieser Artikelreihe schon gemerkt.

Im Dezember des Jahres 2011 befand ich mich nach wie vor im „Amtsträger“-Projekt und arbeitete vom Staatsarchiv in Wolfenbüttel aus – ein äußerst ange­nehmer Arbeitsplatz mit sehr netten Kollegen… wer weiß, vielleicht verschlägt es mich dorthin arbeitstechnisch mal wieder. Kreativ lebte ich in ganz anderen Welten.

Das begann, während ich noch die Schreibmaschinen-Episoden des KONFLIKTS 19 „Oki Stanwer – Der Missionar“ abschrieb, im gleichen Universum, in dem man das Jahr 2081 irdischer Zeitrechnung schrieb. Hier verfolgte ich die Crew des Schaufelraddampfers MISSOURI, der sich unvermittelt in ein Raumschiff verwandelt und in einer so genannten NISCHE den fliegenden Kontinent Shon­ta-Land angesteuert hatte. Sie ankerten im Hafen der Piratenstadt Gondaur, und in der Episode 62 „Chaos in Gondaur“ hatte ich die traurige Aufgabe, den höchst dramatischen Schlussakkord dieser phantastischen Stadt darzustellen. Tat mir in der Seele weh… aber ich spürte, dass der Folgeband „Gekapert!“ noch deutlich schlimmer werden würde. Mit dem konnte ich allerdings in die­sem Monat nur anfangen. Es sollte geschlagene drei Jahre dauern, bis ich daran die letzten Zeilen schreiben konnte.

Nahezu den ganzen Monat befand ich mich in diesem Universum – schrieb Epi­soden ab, formatierte digitale Episoden neu und druckte sie aus… oder arbeite­te eben an weiteren fragmentarischen Episoden. Und an Werken, die mit der Serie in ursächlichem Zusammenhang stehen.

Was das für Werke waren? Lasst mal schauen… da hatten wir „Auf Space“, eine phantastische, teilweise sehr erotische Geschichte, die auf der Venus spielt (aber bis heute ein Fragment geblieben ist). Ich tauchte ein in den Sonnengar­ten der Galaxis Milchstraße, kam da aber auch leider nicht wirklich voran. Dann war da „Eine scharf geschliffene Waffe“, die inzwischen mehrere hundert Ma­nuskriptseiten besitzt. Und natürlich nicht zu vergessen die im Januar 2011 be­gonnene Story „Ein Alptraum namens Koloron“… na, sagen wir, ich vermute, dass das eine Story werden wird. Sie hat aber unzweifelhaft das Potenzial für einen Roman. Also vielleicht wird das auch was Längeres, sobald ich wieder Muße und Inspiration verspüre, daran weiterzuarbeiten.

Ansonsten machte ich einen halbherzigen Versuch, am Glossar des KONFLIKTS 2 „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) weiterzuschreiben. Ich kam nicht wirklich weit. Der ganze Monat stand definitiv unter dem Bann von KONFLIKT 19. Der Archipel war vollständig abgemeldet. In einer gewissen Weise war das fast angenehm.

Im anschließenden Januar 2012 überschritt ich mit Band 17 der Serie „Oki Stan­wer – Der Kaiser der Okis“ (DKdO), also KONFLIKT 9, den Band 1600 des OSM. Und wie das halt immer so ist: es drängte mich durchaus, zu neuen Ufern aufzu­brechen. Die Abschrift des KONFLIKTS 19 war annähernd vollendet, Band 1600 des OSM, „Vektoren der Vernichtung“ lag hinter mir. Was also setzte ich mir für neue Ziele?

Nun, da gab es auch weiterhin die Abschrift des KONFLIKTS 18 „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“ (KGTDUS) wo ich mit Band 14 „Maaraans Geheimnis“ noch sehr am Anfang stand. Ich dachte einfach: Hey, die TI-Serie ist doch vom Ausdruck her ein wenig altbacken… wenn hier derselbe Effekt greift wie bei „Oki Stanwer – Der Missionar“, d. h. KONFLIKT 19, wenn also das Neu­formatieren dazu führt, dass ich an der Serie weiterarbeite, dann gehe ich das doch an.

Gesagt, getan.

Ich unterschätzte allerdings zwei Sachverhalte. Zum einen hatte das tiefe Eintauchen in den KONFLIKT 9 – via OSM-Band 1600 – das Verlangen ausgelöst, hieran weiterzuschreiben. So entwickelte ich das Fragment „Die automatische Stadt“ weiter. Zum anderen sah ich schielend zu KONFLIKT 21 hinüber, also zu der Serie „Oki Stanwer – Fürst von Leucienne“ (FvL), wo die Struktur sehr ähn­lich aussah wie bei KONFLIKT 19: Ein erheblicher Teil der Episoden lag noch nicht digital vor. Ehe ich mich also versah, fuhr ich auch hier zweigleisig: begann mit der Abschrift von Episode 1 der Serie, „Tempel der Götter“, während ich auf der anderen Seite mit der Neuformatierung der Episoden (beginnend mit Band 12 „Jagd nach einem Alassor“ fortfuhr.

Dies zog dann die Arbeit am Serienglossar für KONFLIKT 21 nach sich und führte völlig unerwartet dazu, dass ich auch an dem Glossar für KONFLIKT 17 weiter­schrieb… und so kam es, dass ich die meiste Zeit des Monats Januar 2012 mit FvL beschäftigt war.

Und weil das solchen Spaß machte, diese Episoden nachzuformatieren – und leichte Arbeit war es noch dazu – , sprang ich fast automatisch noch eine Serie weiter und behandelte KONFLIKT 28 „Oki Stanwer – Der Siegeljäger“ (DSj) auf die nämliche Weise bzw. begann zumindest damit. Und was es da nicht für auf­regende Episoden gab, die ich euch leider noch ziemlich lange vorenthalten muss: „UFO-Alarm in Nevada“ etwa (Bd. 26), „Tote von den Sternen“ (Bd. 27) und „Die Totenkopf-Mission“ (Bd. 28).

Ja, ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wer die „Toten von den Sternen“ sind. Aber wenn ihr meint, diese Leute hätten irgendetwas mit den Totenköpfen ge­meinsam, die ihr in der Story „Heimweh“ oder „Mein Freund, der Totenkopf“ bzw. der derzeit etappenweise erscheinenden Romanfassung von „Die Toten­köpfe 1: Die Alte Armee“ (in dem Fanzine „Baden-Württemberg Aktuell“ (BWA)), dann seid ihr sehr schief gewickelt.

Faktum ist jedenfalls, dass dieser Monat mit angenehmen 24 mehrheitlich dem OSM entstammenden fertigen Werken abschloss und ich damit durchaus zu­frieden sein konnte.

Auch im Februar 2012 arbeitete ich gewissermaßen zweigleisig – sowohl an der Abschrift und Neuformatierung von KONFLIKT 28 als auch an der Abschrift und Neufassung (!) in KONFLIKT 21. Hier trat tatsächlich der Effekt der induzierten Neukreativität in Aktion. Mit Band 40 „Sinuu, die Rebellin“ trat eine aparte neue Hauptperson in Erscheinung – ein reptiloides Berinnyermädchen namens Sinuu, das in Bytharg versucht, eine Revolution auszulösen… indem es untote Berinnyer, also Totenköpfe, gegen TOTAM aufzuhetzen sucht.

Ein Wahnsinnsplan? Ja.

Ein Wahnsinnsplan ohne Aussicht auf Erfolg? Na ja… würde ich so nicht sagen. Die Situation ist, um es vornehm auszudrücken, einigermaßen verrückt im By­tharg der Handlungsgegenwart. Und es gibt eine Menge rebellische Totenköp­fe… das ist das reinste Pulverfass. Aber Sinuus Irrsinnsplan gibt dem ganzen noch ein ganz besonderes Geschmäckle der Verrücktheit und ist so crazy, dass er schon wieder charmant ist. Beizeiten erzähle ich euch mehr dazu… es machte jedenfalls einen wahnsinnigen Spaß, das zu schildern. Band 41 der Serie heißt ja wohl nicht umsonst „Aufstand der Totenköpfe“.

Glaubt mir – bei dem Aufstand wollt ihr wirklich nicht im Weg stehen. Zumal eine legendäre Gestalt dort die Regie führt: der Totenkopf-Prophet. Wer den Roman „Mein Freund, der Totenkopf“ schon kennt, dem läuft es bei diesen Worten sicherlich schon eisig über den Rücken – und mit Recht!

Ansonsten stand der Februar wieder voll im Zeichen der Neuformatierung und der Abschriften: KONFLIKT 2, KONFLIKT 19, KONFLIKT 21, da blieb echt kein Auge trocken. Und es blühten neue Bilderblenden auf. So etwa für Band 71 der DM-Serie, die den programmatischen Titel „Rückkehr nach Feuer-Terra“ trägt.

Auch hatte ich Ende Februar endlich meinen ersten Quasi-OSM-Roman wieder entdeckt, „Der stählerne Tod“ (1979/80), und ich fing mit einer kommentierten Abschrift an… leider bin ich damit noch nicht mal entfernt so weit gekommen, wie ich wollte.

Kurz blitzte gegen Monatsende dann mit „Shayas Bestimmung“ eine Archipel-Idee durch. Aber wirklich behaupten konnte sich der Archipel gegen den über­mächtigen OSM definitiv nicht.

Wie das dann im März 2012 weiterging, berichte ich im nächsten Abschnitt die­ser Artikelreihe. Wohin wir in der kommenden Woche an dieser Stelle reisen, da lasst euch mal überraschen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 124: Der Janson-Befehl

Posted August 9th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

heute geht es mal wieder hinüber ins Feld der Thrillerliteratur und zu einem Großmeister der Spannung, der leider auch schon seit längerem von uns ge­gangen ist… was die Verlage und seine Epigonen nicht daran hindert, Jahr für Jahr unter Robert Ludlums Autorennamen munter weitere Geschichten zu pu­blizieren. Wir können also annehmen, dass das dermaleinst sicherlich auch mit Clive Cussler geschehen wird, dessen Werke sich ja mittels Coautoren inzwischen stark von seinen ursprünglichen Wurzeln emanzipiert haben.

Zugleich liegt mit dem Roman, den ich euch heute ans Herz legen möchte, eines von zahlreichen Büchern vor, das zeigt, dass Thrillerautoren durchaus nicht nur rasantes Lesefutter generieren, sondern vielleicht stärker als manch anderer Schriftsteller (etwa auf dem erotischen Feld oder dem der Fantasy-Literatur) den Finger am Puls der Zeit haben. Da wimmelt es dann von Terroristen, Isla­misten und inkompetenten demokratischen Staatslenkern. Mitunter wird nur wenig kaschiert durch leichte Umbenennung von regionalen Bezügen, was in Wirklichkeit gemeint ist. Das hier ist solch ein Beispiel.

Schaut euch einfach mal den folgenden Roman etwas näher an, das lohnt sich, selbst zehn Jahre nach meiner Lektüre und Rezension:

Der Janson-Befehl

(OT: The Jansons Directive)

von Robert Ludlum

Heyne 43105

752 Seiten, TB, 8.95 €

Aus dem Amerikanischen von Heinz Zwack

ISBN 3-453-43105-7

Frieden tut Not auf dieser Welt, die so sehr von Konflikten zerrissen ist. Doch wohin man sich auch wendet, es ist nichts in Sicht, dem man vertrauen kann. Die UNO? Ein zahnloser Tiger, beschnitten von mächtigen Weltstaaten und Or­ganisationen, die sie am ausgestreckten (monetären) Arm verhungern lassen. Die USA? Eine Supermacht, die oft mit brachialer Gewalt ihre Interessen durch­setzt und in der Vergangenheit oftmals genug Verbrechen selbst gegen demo­kratische Staatsführungen beging (denken wir nur an Chile). Die Nichtregie­rungsorganisationen (NGOs)? Schöne Ansätze, aber finanzschwach und selten durchsetzungsfähig.

In diesem Buch, das in gewisser Weise in einer Parallelwelt angesiedelt ist, ist das anders. Hier gibt es solch eine Hoffnung. Ihr Name ist Peter Novak.

Peter Novak ist ein Kind des Zweiten Weltkriegs. Aufgewachsen während des ausgehenden Krieges in der Tschechoslowakei, hat es der charismatische, visio­näre Pazifist zu Milliardenreichtum gebracht und die „Liberty Foundation“ ge­gründet, deren Ziel es ist, Konflikte zu entschärfen und diplomatische Lösungen für verfahrene Krisenherde zu finden. Im Gegensatz zu allen anderen, mehrheit­lich korrumpierten Friedensstiftern, ist er außerordentlich erfolgreich und hat kürzlich den Friedensnobelpreis erhalten.

Sein neuestes Projekt ist ein Friedensstiftungsversuch auf einer Inselgruppe im Indischen Ozean, auf dessen Hauptinsel Anura sich muslimische Rebellen der Zentralregierung gegenüberstehen und mehr und mehr an Boden gewinnen. Anführer dieser Rebellen ist der sinistre, glaubensstarke „Kalif“. Und er ist es, der den Alptraum in Gang setzt.

Peter Novak wird vom „Kalifen“ gefangen genommen und soll öffentlich geköpft werden. Etwas, das Novaks Stellvertreterin Marta Lang von der „Liberty Foun­dation“ auf gar keinen Fall zulassen kann. Da die amerikanische Regierung – der naheliegende Aspirant für Hilfe – offensichtlich keine Hilfe leisten mag, wendet sie sich an einen Mann namens Paul Janson und fleht ihn an, alles zu tun, um Novak freizubekommen.

Janson, ein Vietnam-Veteran und einstmaliger Kampfsoldat des amerikanischen Geheimdienstes „Consular Operations“ (Cons Op), hat sich aus dem „Geschäft“ zurückgezogen und inzwischen in der Wirtschaft tätig. Doch Novak hat ihn durch seine Diplomatie vor mehreren Jahren aus Geiselhaft freibekommen, seither ist er Novak zu Dank verpflichtet. Also nimmt Janson den Auftrag an.

Er trommelt ein Team hochqualifizierter Spezialisten zusammen und fliegt nach Anura, um den Milliardär zu befreien. Dies gelingt sogar, aber Novak scheint regelrecht Angst vor Janson zu haben. „ER schickt Sie!“, sagt er und gibt wirre Worte von sich. Offenbar ist er in der Geiselhaft psychisch gebrochen worden, denn er behauptet schließlich auch, der „ER“ sei „Peter Novak“. Er scheint also klar geistig verwirrt zu sein. So sieht es aus.

Doch die Dinge liegen ganz anders: als Janson von der Insel abreist, muss er schnell feststellen, dass die Medien über Novaks Geiselnahme nicht berichten. Und dann entdeckt er auf sehr dramatische Weise, dass Scharfschützen dabei sind, IHN SELBST zu attackieren, um ihn „auszuschalten“.

Schnell übernehmen seine alten Reflexe die Kontrolle über ihn, und er muss zwangsweise wieder zu dem werden, was er einstmals war, einfach, um am Le­ben zu bleiben. Denn lange Zeit ist völlig rätselhaft, wer hinter den Anschlägen auf sein Leben steckt. Und warum kann er Marta Lang nicht mehr erreichen? Steckt wirklich sein alter Arbeitgeber Cons Op hinter den Attacken? Und was verbirgt sich hinter dem „Moebius-Programm“?

Ein atemberaubender Wettlauf mit der Zeit beginnt, an dessen Ende die ganze Welt in Geiselhaft genommen wird. Und der einzige Mann, der noch zwischen der Apokalypse und der Rettung steht, heißt Paul Janson…

Es bleibt dabei: Ludlum ist der perfekte Thrillerautor. Basta.“ – So sagt es der Klappentext, und das ist nicht völlig verkehrt. Man kommt aus diesem Buch in der Tat nicht wieder raus. Ich habe es binnen von fünf oder sechs Tagen gele­sen, und dabei hielt ich mich schon zurück. Wenn man Ludlum nicht kennt, ist dies eine ausgezeichnete Einstiegslektüre, um nicht zu sagen: Einstiegsdroge.

Der Titel ist natürlich etwas irreführend (und im Buch konsequent falsch ohne Bindestrich geschrieben, wie das inzwischen gern bei Ludlum-Romanen gemacht wird), und wer andere Ludlum-Romane kennt (etwa die Borowski-Ro­mane, die in der Neuauflage, im Gefolge der dazu gänzlich unpassenden Filme, „Bourne“-Romane korrekt betitelt wurden1), dem werden viele Strukturen die­ses Buches bekannt vorkommen: der Einzelkämpfertyp, der gegen ein Intrigen­geflecht seiner vorgesetzten Behörden ankämpfen muss; die paranoiden Zwei­fel an allem… und es kultiviert dann leider auch diesen kultivierten Argwohn, der bei einem versierten Leser rasch zutage tritt und alles, was als „unabänder­liche Fakten“ hingestellt wird, in Zweifel zieht.

Dieser Argwohn ist es dann letztlich, der ein wenig die Lesefreude trübt. Schon nach wenigen hundert Seiten ist der Gegner klar zu erkennen, auch wenn gewisse Mosaiksteine und Brücken noch unscharf sind. Und der Schluss ist ebenfalls relativ bald sichtbar. An vielen Stellen gerät Ludlum darüber hinaus – zwar stets fundiert, aber doch gelegentlich etwas zu stark – ins „Schwafeln“. Wohlverstanden: damit will ich nicht ausdrücken, das Buch sei langweilig oder durchsichtig. Beides ist nicht der Fall. Es ist nur nicht mehr so direkt, nicht mehr so drastisch direkt.2

Dafür hat dieses Werk seinen ganz eigenen Reiz. Er liegt in den leicht zu vollzie­henden Transferleistungen. Man erkennt in „Anura“ mit dem Berg „Adam’s Hill“ leicht Sri Lanka und den „Adam’s Peak“ wieder, in den Rebellen die Tamil Eelam Tiger, und es ist auch durchaus nicht abwegig, im „Kalifen“ niemand Geringeren als Osama bin Laden zu sehen. Auch auf der Gegenseite ist das der Fall. Wenn es, an die Adresse des Präsidenten der Vereinigten Staaten gerichtet, im Buch sinngemäß heißt: „Ihr Vater war da einsichtiger“, dann wissen wir gut, welcher (etwas unterbelichtete) Präsident hier gemeint ist. Und Ludlum macht keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen diese Person. Ähnlich schlecht zu sprechen ist er auf die präsidentielle Sicherheitsberaterin (Condoleeza Rice), die hier natür­lich anders heißt. Was mit ihr passiert, muss man selbst lesen.

Entstanden ist mit diesem Buch also ein beeindruckendes Werk, das auch öf­fentliche Manipulationen in großem Stil anprangert, und dies meiner Meinung nach sehr zu Recht. Es ist somit nicht nur ein beeindruckendes schriftstelleri­sches Spätwerk eines der begabtesten Thrillerautoren der Gegenwart, sondern auch ein hochpolitisches Werk, das die Lektüre durchaus lohnt.

Empfehlenswert.

© 2007 by Uwe Lammers

Und weil mein Blog sich ja davon speist, dass es immer gern ein Kontrastpro­gramm vorstellt, lenke ich euch in der kommenden Woche an dieser Stelle im „kleinen Jubiläumsblog“ 125 wieder ins Feld der Phantastik zurück. Diesmal gibt es ein besonderes Schmankerl zu loben, nämlich einen Film, der buchstäblich über die Grenzen von Raum und Zeit hinausweist, auf eine äußerst charmante Weise.

Das solltet ihr euch nicht entgehen lassen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Es war mir nie klar, warum der Heyne-Verlag den Namen „Bourne“ in „Borowski“ umän­derte, und das noch zu Ludlums Lebzeiten. Eine ziemliche Unverschämtheit.

2 Ein dramatisches Gegenbeispiel ist „Der Matarese-Bund“.