Liebe Freunde des OSM,
es ist immer wieder interessant, unbekannte Autorinnen lesend kennen zu lernen … in diesem Fall handelt es sich dabei um eine deutsche Verfasserin namens Lilly Grünberg, wobei ich nicht zu sagen weiß, ob das ein Pseudonym oder der Realname ist. Ich fand die Lektüre durchaus interessant – auch wenn ich heute, neun Jahre nach der Lektüre des Buches, in Anbetracht der Veränderungen der modernen Lesekultur annehme, dass das Werk einige Schwierigkeiten hätte, publiziert zu werden.
Warum nehme ich das an? Nun, wer sich heutzutage Bücher ansieht, die in dem Feld der erotischen Literatur oder der Romance-Genres, die sich ja zunehmend diversifiziert haben, umschaut, stößt nahezu überall auf die unvermeidlichen „Content Warnings“ und auf die Etikettierung mit so genannten „Tropes“. Unsere moderne Zeit ist doch sehr zu einer Art überbehüteter Mimosenwelt degeneriert … ich nenne das so, weil die selbst ernannten Moralhüter den AutorInnen zunehmend vorschreiben, wie sie ihr Publikum vor vermeintlichen „Gefahren“, die in ihren Büchern lauern, „warnen“ müssen.
Ich denke, das ist eine Form der übergriffigen Entmündigung, die der Buchkultur eine Art von Maulkorb anlegt, und über kurz oder lang führt das möglicherweise zu einer Selbstzensur der Literaten oder – wie im Fall der USA heute schon zu beobachten – zu einer recht unverhohlenen Zensur und Kriminalisierung „unliebsamer“ Literatur. Es gibt zu denken, dass in den Vereinigten Staaten aufgebrachte Literaturdetektive sogar schon Harry Potter-Bücher verbrennen und Bücher über sexuelle Aufklärung als Pornographie schmähen und LGBTQ+-Werke in den Bibliotheken zerstören und Bibliothekarinnen mobben und verfolgen.
Von solchen Auswüchsen sind wir hierzulande, glücklicherweise, noch weit entfernt (vielleicht „noch“, gibt es schließlich auch hierzulande schon Zerstörungen von entsprechenden Büchern durch Vandalen in Bibliotheken). Dieses Buch hier jedenfalls hätte sicherlich einige „Content Warnings“ auf sich gezogen. Da wäre beispielsweise so etwas wie „Freiheitsentzug“, „Gefangenschaft“ und „physische Gewalt“ zu nennen, die hier durchaus vorkommt. Aber das ist, sollte ergänzend gesagt werden, in einem Romansegment, das sich als erotische Literatur versteht und starke Schnittmengen mit der BDSM-Kultur hat, eigentlich von vornherein klar und akzeptiert.
Außerdem ist zu vermuten, dass auch die Stiefgeschwistergeschichte, um die sich hier alles dreht, die bigotten Moralisten sofort zu einem Sturm der Entrüstung treiben würde … ich sage ja, die Mimosenkultur der Überempfindlichkeit ist munter und massiv auf dem Vormarsch.
Schauen wir besser mal nach dieser langen, hoffentlich nachdenklich stimmenden Vorrede, was den Roman selbst angeht. So ganz uninteressant ist die Beziehung zwischen Marc Braun und Victoria Rossmann nicht … aber da schaut lieber selbst:
Begierde
Von Lilly Grünberg
RM Buch und Medien Vertrieb GmbH
38 Seiten, TB (2010)
(zuvor erschienen 2009 bei Plaisir d’Amour)
Keine ISBN!
Die Geschwister Marc Braun und Victoria Rossmann waren einst wie Pech und Schwefel, unzertrennbar – allerdings gefangen in einer bizarren und ungeliebten Patchwork-Familie. Marcs Vater, eifrig unterwegs in diversen Betten, erreichte durch sein egoistisches Verhalten, dass die Ehe zerbrach, aus der Marc hervorgegangen war. Seine nicht minder lustbezogene neue Ehefrau brachte ihre eigene Tochter in die Ehe mit – die vier Jahre jüngere, verschüchterte Victoria, ein pummeliges Ding mit roten Haaren und Zahnspange. Die beiden Kinder unterschiedlicher Erzeuger hingen bald unzertrennlich aneinander … bis zu jener traurigen Nacht, als sich Victoria offensichtlich als Lügnerin herausstellte und das Vertrauensverhältnis unwiederbringlich zerrüttet wurde.
Marc zog wenig später nach Italien um, willens, einen vollständigen Bruch mit seiner Familie herbeizuführen. Fortan arbeitete er hier mit seinem Freund Antonio del Carmine in der familieneigenen Designmöbelfabrik mit, bald in leitender Stellung, wo er es rasch zu Wohlstand brachte. Victoria, die nach dem Tod von Marcs Vater bei ihrer leiblichen Mutter in Deutschland geblieben war, strebte in die Stewardessen-Laufbahn. Beide hatten quasi keinen Kontakt mehr miteinander.
Als Marc schließlich die Information bekommt, dass die Schwiegermutter überraschend verstorben ist, reist er zur Testamentseröffnung nach Frankfurt zurück und trifft hier nach langer Zeit wieder auf seine kleine Stiefschwester Vicky, wie er Victoria immer genannt hat. Sie ist inzwischen zu einer ansehnlichen, schönen Frau herangereift, doch scheint sie sich moralisch sehr zu ihrem Nachteil verändert zu haben. Sie steckt dem Notar schamlos eine Telefonnummer zu, bietet Marc unverfroren einen Blowjob an und lässt abends einen wildfremden Mann an ihrem Busen wildern, während er fassungslos zuschaut.
Marc ist angewidert und zornig. Wie hat sich doch seine kleine Stiefschwester zu ihrem Nachteil verändert! Wie kann sie sich in aller Öffentlichkeit so hurenhaft gerieren und dabei ganz nach ihrer nicht minder zügellosen Mutter und seinem eigenen Vater geraten … es ist einfach empörend! Noch unglaublicher ist es jedoch, dass Marc Victoria nach diesem Wiedersehen nicht mehr aus seinen Gedanken vertreiben kann. Und genauso verhält es sich.
Da kommt ihm dann die unglaubliche Nachricht seines Freundes Antonio ganz recht – er befindet sich seit einiger Zeit auf der Suche nach einer passenden Gattin und hat bei dieser Suche in Italien die Annonce eines seltsamen Instituts entdeckt, das etwas verklausuliert, aber doch recht eindeutig etwas Seltenes anbietet, nämlich wohlerzogene künftige Ehefrauen für potente und reiche Junggesellen. Und es hört sich ja wirklich interessant an, was in der Meldung steht: „Wir vermitteln junge hübsche Frauen, die wohlerzogen sind, Lust am Sex haben und für die es selbstverständlich ist, ihrem Ehemann zu gehorchen. In jeglicher Hinsicht.“
Doch, denkt sich Marc, genau so etwas würde seiner kleinen Victoria definitiv gut tun: Ein Mann im Leben, der ihrem zügellosen Lotterleben rigoros ein Ende macht und sie auch energisch zu bestrafen weiß, wenn sie wieder über die Stränge schlagen sollte. Wirklich zu schade, dass Vicky auf solch einen Mann bislang offensichtlich verzichten muss und stattdessen schamlos und ungeniert von einem Bett zum nächsten springt, um sich sexuell zu vergnügen.
Marc weiß seit ihrem Zusammentreffen beim Notar aber ebenfalls, dass Vicky derzeit auf Arbeitssuche ist, mithin von niemandem so schnell vermisst werden würde – also macht er kurzschlussartig Nägel mit Köpfen und lässt sie völlig überraschend aus ihrem Alltag entführen und über die Alpen nach Italien in das rätselhafte Institut verschleppen, wo noch elf weitere Frauen dabei sind, sich ausbilden zu lassen, um wohlerzogen und gehorsam schließlich an Ehemänner vermittelt zu werden.
Doch diese anderen „Leidensgenossinnen“, wie die schockierte Vicky zunächst denkt, sehen die Kasernierung im Institut völlig anders als sie selbst – sie sind nämlich durchaus freiwillig hier und wollen sich mittels der Ausbildung einen Ehemann angeln. Zwei von ihnen sind sogar auf Veranlassung ihres Gatten hier, um durch das Erlernen neuer sexueller Fertigkeiten wieder frischen Wind in ihre eingerostete Beziehung zu bringen. Vicky hingegen wurde entführt, was ihr aber niemand glaubt. Sie wurde vielmehr als hemmungslose Nymphomanin beschrieben und angekündigt, und sie muss sich nicht wundern, dass sie deutlich härter angefasst wird als die anderen „Insassinnen“, erst recht nach einem desolaten Fluchtversuch.
Aber schon bald kommen der Patronin, die das Institut leitet, aufgrund des Verhaltens des Neuzugangs ebenso Zweifel an der Zuverlässigkeit von Marcs Informationen wie auch Vickys Zimmergenossin Anna, die schließlich ungläubig erkennt, wo Vickys wirkliches Problem liegt.
Marcs Stiefschwester ist nämlich ungeachtet ihrer Attraktivität und ihres Alters nach wie vor noch jungfräulich … auch wenn scheinbar alles dagegen spricht, insbesondere ihr Ruf. Auf diese Weise stürzt sie dann auch ihren Stiefbruder in ein ungeahntes emotionales Chaos, aus dem er sich allerdings ohne völligen Gesichtsverlust nicht mehr zurückziehen kann. Marc belässt seine Stiefschwester also im Institut, ohne zu wissen, wohin das noch führen soll. Und dann macht Victoria im Laufe ihrer Erziehung und in Gesellschaft sexuell deutlich erfahrenerer Gefährtinnen recht bald eine gründliche Wandlung durch – bis sie schließlich den geheimnisvollen Signore Gino kennen lernt, einen maskierten Mann, der ihr Herz in Wallung und ihre verzweifelten Fluchtwünsche zum Erlöschen bringt …
Bislang war mir Lilly Grünberg als Autorin noch nicht vertraut. Dieser erste Roman, ein wenig irreführend mit „Begierde“ tituliert, ist nun insofern eine interessante Entdeckung, als man es hier tatsächlich mit einer durchaus nicht sexuell erfahrenen Hauptperson zu tun hat – wie in den weitaus meisten sonstigen erotischen Romanen („Fifty Shades of Grey“ mal ausdrücklich ausgenommen) – , sondern eben mit einer zögerlichen Jungfrau, die sich aus guten Gründen nach außen eine raffinierte Tarnung als Vamp aufgebaut hat. Eine Tarnung, die so frivol selbst auf ihren Stiefbruder wirkt, dass Marc ihr das Lotterleben abkauft und so zu seinem drastischen Handeln getrieben wird. Notwendigerweise geht das nicht gut.
Ebenso offenkundig ist von Anfang an, wer zu wem hingezogen wird und wohin der Roman durch zahlreiche Irrungen und Wirrungen der eher romantisch-sanftmütigen Art driftet. Das heißt indes nicht, dass es im Roman nicht zur Sache geht, ganz im Gegenteil. Denn einige Strukturen des leider recht nebulös bleibenden Instituts, in dem die „Erziehung“ der Mädchen vorgenommen wird, sind doch sehr gewöhnungsbedürftig. Die Naturelle der Mädchen sind zutiefst unterschiedlich, und auch die Art und Weise, wie sie schlussendlich vermittelt werden – nämlich über eine Art „Sklavinnenauktion“ inklusive vollständiger Enthüllung – , die schürt doch im Leser die Vermutung, dass das ganze Institut eher recht halbseiden operiert. Victorias Entführung ist da gewissermaßen nur das Tüpfelchen auf dem I-Punkt des Misstrauens, selbst wenn man zugeben muss, dass klar dargelegt wird, wie ungewöhnlich das Verfahren gerade in ihrem Fall ist.
Auch gibt es unter den „Interessenten“ dann solche, die ausgesprochen sadistische Neigungen haben und sie bei der Prüfung der Kandidatinnen – wenn die Regularien das zulassen – auch durchweg ausleben. Einigermaßen haarsträubend und sehr heftig ist etwa die etliche Seiten lange, ausgiebig sadistisch-masochistische Unterwerfungsszene, die Federico Moreno seiner Favoritin angedeihen lässt, ehe er zufrieden ihre „Tauglichkeit“ geprüft hat. Das ist schon echt schmerzhaft zu lesen. Das zeigt aber im Grunde genommen, dass die Autorin auch durchaus mit der härteren Erzählweise klarkommt … aber mehr als 90 % des Buches sind eben relativ sanft geschrieben. Ausgesprochen schockierende Szenen sind selten.
Konflikte treten auf, sind aber eher schlicht gestrickt. Jenseits des recht engen personalen Fokus der Story fragt man sich manchmal schon, warum soviel Raum auf recht offensichtliche mentale Strukturen verwandt wird. Der Roman ist in seiner Zielkonzeption sehr durchschaubar, großartige Überraschungen gibt es im Grunde genommen nicht. Einige Details bleiben am Schluss ungeklärt, aber diese Tatsache trübt das Lesevergnügen nur sehr bedingt.
Wer sich deshalb mit einer etwas problematischen Geschwistergeschichte beschäftigen möchte, die Entführung und erotische Erziehung der Stiefschwester beinhaltet, der kann hier gut andocken. Auf jeden Fall macht der Roman neugierig auf weitere Werke der Autorin und wie sie sich wohl darin schlagen mag. Ich werde beizeiten darauf zurückkommen.
Bis dahin kann ich diesem Roman durchaus eine durchschnittliche Lesenote verabreichen und ihn zur Lektüre empfehlen.
© 2017 by Uwe Lammers
Auch die Entführungsgeschichte ist übrigens so singulär nicht, wie ich heute, ein paar Lesejahre später, bestens weiß. Es gibt da noch so das eine oder andere Werk in dieser Richtung, das ich seither gelesen habe. Beizeiten komme ich darauf zweifellos zu sprechen.
In der kommenden Woche erzähle ich euch aber zunächst etwas über den letzten auf Deutsch erschienenen Roman von Larry Maddock, dessen Zeitreise uns nun nach Nordafrika schickt, in eine besonders chaotische Zeit.
Mehr in sieben Tagen an dieser Stelle.
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.